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… nicht mehr sitzengeblieben würde?

… nicht mehr sitzengeblieben würde?

Gemessen an der Zahl der Sitzenbleiber, ist Deutschland das dümmste Land der Welt. Und das soll auch so bleiben: Das Sitzenbleiben lehrt das junge, von Porno-, Drogen- und Alkoholkonsum dekonstruierte Indidviduum, daß es im Leben nicht nur aufwärts (z.B. mit dem Lebensalter und der Zahl der Freunde auf Facebook) geht, sondern manchmal auch runter. Manchmal sogar überwiegend.

Aber ist die Wiederholung der 8. Klasse überhaupt ein Abstieg? Kann eine Wiederholung ein Abstieg sein? Nein, sie ist ein lediglich retardierendes Moment auf dem Weg in die Erwerbsbiographie. Und da diese selbst für den Akademiker wahrscheinlich sowieso nicht beginnen wird (oder vielleicht erst mit 50 als »Wieder«-Eingliederung über einen Ein-Euro-Job), ist das Sitzenbleiben nicht nur nur retardierend, sondern egal. Daraus begründet sich der Ausruf meiner Nachbarin bezüglich ihres Sohnes: »Der Kerl bleibt hängen, und es ist ihm scheißegal!«

Als es noch um Leistung ging, weil Zukunft eine Zukunft hatte und nicht nur »Zukunftsbewältigung« (A. Merkel) war, als es noch nicht albern war, Atomphysiker, Altertumsforscher, Facharbeiter oder Staatsratsvorsitzender werden zu wollen, als wir noch sangen »Für das Leben lernen wir, /reiß dir den Arsch auf, Pionier!«, stürzte der Sitzenbleiber sich und die Sippe in ungleich schwerere Krisen als heute. Entfernte Tanten wurden über das Lebensalter des Schulversagers getäuscht (»Was, Lutze ist erst zehn – ich dachte er ist elf!«) oder es wurden Legenden erfunden: Lutz will die Klasse noch mal machen, weil er so sehr an seinem Mathelehrer hängt. Oder: Der Direktor hat vergessen, ihn zu versetzen, aber man kann nichts mehr machen. Die Sommerferien waren für den Sitzenbleiber die schlimmsten Wochen seines jungen Lebens. Denn die liebenden Eltern nutzten sie, um »endlich mal andere Saiten« aufzuziehen: Zimmer- und Hosenkontrollen, Sommerbadverbot, tägliches Vokabelpensum, spontane Hausarreste und süffisante Anspielungen: »Was, Taschengeld möchte der Herr? Na ja, vielleicht wenn du eines Tages die neunte Klasse schaffen solltest…«

Wenn die Sitzenbleiber in ihre neue Klasse mit der alten Nummer kamen, war das für uns damals stets ein lustiger Moment. Sie litten unter Riesenwuchs, die Mädchen hatten schon Brüste, und wir kleinen Jungs sprangen sie wie Terrier an und verbissen uns in sie. Sie setzten sich schuldbewußt in die letzte Reihe, um uns nicht die Sicht zu nehmen, und wenn sich einer von ihnen mal meldete, sagte die Lehrerin.»Na ja, für dich ist das ja Wiederholung.«

Heute schämen sich zahlreiche deutsche Kultusregierungen für das Sitzenbleiben und halten es für ein Relikt der Schwarzen Pädagogik. Sie meinen, jedes Kind müsse gefördert werden. Das ist natürlich Unsinn, wenn nicht sogar Sozialismus. Nichts prägt so nachhaltig die Persönlichkeit, wie die »Ehrenrunde«. Sie ist die beste Förderung – die Kreatur lernt Demut und Spott zu ertragen und genießt alle Vorzüge des längeren gemeinsamen Lernens, wie es eine eher linke Bildungspolitik anstrebt. Ohne Sitzenbleiben wäre weder aus Einstein noch aus Hitler oder Stoiber was geworden. Das Sitzenbleiben verkürzt die unendlich lange Wartezeit auf die Rente wenigstens um ein erfülltes Lebensjahr. Würde nicht mehr sitzengeblieben, würden noch mehr Jugendliche in ihren Kinderzimmern vor den Spielekonsolen hocken – denn auch als Zivis und Rekruten werden sie nicht mehr gebraucht, würden ins Zölibat oder in die Dritte Welt flüchten, wo sie Schwarzen gebildete Weiße vorspielen oder sich dem Rausch ergeben.

Eigentlich müßte also das Sitzenbleiben gefördert werden. Beispielsweise mit Gutscheinen für kostenlose Schulspeisung oder mit Privilegien, die dem Sitzenbleiber helfen, seinen sozialen Status zu heben: die Einrichtung eines speziellen Speiseraums, ähnlich einer Offizierskantine, in dem sich der Sitzenbleiber an Alkohol bedienen und rauchen kann. Oder das Privileg, bei Unterrichtseinheiten, die ihm bekannt vorkommen, die Musikstöpsel in die Ohren stecken zu dürfen.

Junge Welt, 06. August 2010

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