… die Ostdeutschen als Ethnie anerkannt würden?
… die Ostdeutschen als Ethnie anerkannt würden?
Diese Frage vor zehn Jahren gestellt – das wäre ein politisches Zündmittel gewesen. Damals wurde die ostdeutsche Herkunft generell verdächtigt, es sei denn, eine Ostlerin hatte gerade den CDU-Vorsitz übernommen. Ostler waren Menschen, die sich mit jedem gestammelten Wort und Atemzug in die DDR zurückwünschten, ihre Vita vor den Staatsorganen verschleierten, revanchistische Strukturen der Nachbarschaftshilfe aufrechterhielten, schlecht rochen und schlecht aßen, naturnahen Sex pflegten und wahrscheinlich Waffen der Kampfgruppen der Arbeiterklasse unterm Bett in Ölpapier verwahrten. Alle Auffälligkeiten der Ostdeutschen und ihre Unwilligkeit, sich mit den Mutterländern zu vereinigen, wurden in Festansprachen angestrengt weggeredet. Und zwar mit dem Hilfsargument, die Unterschiede zwischen Süddeutschen und Norddeutschen seien gravierender als die zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen. Es durfte nicht ins Gewicht fallen, daß die einen mehrheitlich als Ware Arbeitskraft für die Marktwirtschaft sozialisiert worden waren, während die anderen die Sonne des Sozialismus gesehen hatten. Die Wiedervereinigung durfte nicht gescheitert sein (war sie auch nicht, sie hatte viele reiche Westdeutsche reicher gemacht).
Heute ist klar, daß die Ossis in etwa dreißig Jahren ausgerottet sein werden, weggestorben in relativem, relativ anstrengungslosem Wohlstand. Sie werden die Kadaver ihrer Haustiere und tote Dörfer und Städte hinterlassen, die Spuren westdeutschen Kulturbringertums zeigen. Den Ostdeutschen jetzt rasch noch eine eigene Ethnie zu bescheinigen, ist ein Witz, ein zynischer, aber ein Witz. Auf den stürzt sich die Presse dieser Tage: Die Hallorenkugeln und der MDR (angeblich eine Rundfunkanstalt), das »drei Viertel drei« und Achim Menzel, der FKK-Kult und die beigen Windjacken der Rentner, »Mosaik«, Dagmar Frederic und Gregor Gysi, die SuperIllu und Erwin Strittmatter, die schlechten Zähne und der Mecklenburger Klare, der Dederoneinkaufsbeutel und Wolfgang Stumph – das alles soll jetzt »geschützt« werden? Wie lustig für das Feuilleton! Ossis, die was im großen Deutschland darstellen wollen, kriegen im Radio Gelegenheit, mit witzelnder Abscheu über den Gedanken zu sprechen, sie könnten einer Ethnie angehören. Die »ostdeutsche Schriftstellerin« Katja Lange-Müller quält sich fünf Minuten lang im Deutschlandfunk mit der Aufgabe, eine richtige Deutsche zu sein.
Der Ethniestatus könnte sich jedoch für Ostler noch als nützlich erweisen. Je älter, kränker, weniger, anspruchsvoller, depressiver sie werden, desto teurer werden sie. Unwerte Deutsche, sozusagen. Da wäre es schön für sie, wenn sie in der Kölner U-Bahn (falls die je verkehrt) wegen ihrer welken Hautfarbe nicht geschlagen, im Fernsehen wegen ihres Alkoholismus nicht lächerlich gemacht und bei einer Bewerbung vom Ausbeuter nicht abgelehnt werden dürften. Deshalb kam die Ethnieproblematik vor ein Arbeitsgericht: Wenn der Ossi unter den Artenschutz fiele, würde er klagen können, wenn man ihn wie Dreck behandelt. Vorher nicht.
»Eigentlich« müssen Ethnien gar nicht »anerkannt« werden. Sie existieren einfach. Sie existieren, wie die Ethnologen sagen, »durch Selbst- und Fremdzuweisung«, also durch Abgrenzung und Ausgrenzung. In Österreich-Ungarn war es ein knappes Dutzend (über die Zählweise sind die Ethnologen uneins). Erst wenn die Abgrenzung einer Gruppe zur Ausrottung tendiert, muß sie um die Einweisung in Reservate nachsuchen und sich ein Brauchtum zurechtlegen, das Schaulustige bewegt, ein bißchen Geld dazulassen.
Ethnien definieren sich aus einer gemeinsamen Vergangenheit oder einer gemeinsamen Perspektive. Das Letztere entfällt für die moribunden Ossis. Sie sind eine Ethnie in Verwesung. Warum die bürgerlichen Meinungsträger den Gedanken, die Ostdeutschen könnten sich als Ethnie verstehen, lächerlich finden? Doch nicht, weil – mit Bezug auf das Gleichbehandlungsgesetz – ein paar Klagen wegen Diskriminierung zu erwarten wären!
Die Anerkennung der Ostdeutschen als Ethnie – das wäre das Zugeständnis der politischen Klasse, daß sich die Ostdeutschen positiv (wenn auch höchst unterschiedlich) auf ihre »Herkunftssagen, Geschichte, die Verbindung zu einem spezifischen Territorium und ein Gefühl der Solidarität miteinander« beziehen. Dann könnte man die Wiedervereinigung, die bekanntlich noch 20 Jahre dauern soll, an dieser Stelle getrost abblasen.
Junge Welt, 16. April 2010
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