… in der DDR die Kinder nicht sexuell mißbraucht und körperlich mißhandelt worden wären?
… in der DDR die Kinder nicht sexuell mißbraucht und körperlich mißhandelt worden wären?
Als es im Winter unseres Mißvergnügens Leute mit dem Vorwurf in die Medien geschafft hatten, sie seien im Kindesalter am »angesehenen« Berliner Canisius-Kolleg sexuell, ja »systematisch sexuell« mißbraucht worden (die Vorwürfe waren älter, nur die Medienöffentlichkeit war neu), da konnten Wetten darauf abgeschlossen werden, daß die DDR sofort nachziehen würde. Mehr noch: Hier kündigte sich ein wunderbar handliches Thema an, es der Zone mal wieder zu besorgen. Das Einzelschicksal würde berühren – und nun auch noch Kinder, die schwächsten Opfer der Diktatur! Der pädophile Voyeurismus breiter Volksschichten würde in den Dienst der guten Sache – der Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft – gestellt und Mehrteiler mit Veronica Ferres als Kind (1. Teil) und als nachhaltig geschädigte Erwachsene (2. Teil) könnten entstehen. Ja, es war abzusehen, daß der sexuelle Kindesmißbrauch das Sahnehäubchen der DDR-Geschichtsschreibung werden würde, reich bebildert von Guido Knopp und mit Steuergeldern hochgradig differenziert erforscht vom Forschungsverbund SED-Diktatur. Zum Schluß, in den Tagen des Wiedervereinigungsjubiläums, würden einschlägig Mißbrauchte – Vera Lengsfeld, Freya Klier, Günter Schabowki, Gunter Emmerlich, Ute Freudenberg – zu den Kindern in die Schulen gehen und ihnen sagen: Wenn der Diktator euch streicheln will, müßt ihr Nein sagen! Die Bösartigkeit, die Abgefeimtheit, die Blutgier, die Mordlust und schließlich auch die perverse Geilheit der DDR-Kommunisten, sie wäre im Sinnbild des geschändeten Kindes geronnen. Herrlich!
Aber ach, es blieb ruhig. Aus allen geographischen und Glaubensrichtungen hagelte es Mißbrauchsvorwürfe. Die katholische Kirche war offenbar jahrzehntelang fest in der Hand der Päderasten, ja hatte die Funktion, Funktionären Kinderfleisch zuzuführen. Bei den Protestanten sah es nicht besser aus. Dann meldeten sich Opfer des antiautoritären westdeutschen Bildungssystems der späten siebziger Jahre (also Mißbrauchsopfer der 68er). Anschließend werden in den nächsten Wochen die in Pfadfindergruppen, der Jungen Union (das Kinderschicksal von Philipp Mißfelder wird vieles, was uns an ihm sonderbar erscheint, erklären), den Jugendfeuerwehren und den Ensembles von »Jugend musiziert« Mißbrauchten an die Öffentlichkeit gehen.
Aber wo bleiben die Pioniertreffen – Massenauftriebe von Kindern im Auftrag eines mit den Mitteln des »Demokratischen Zentralismus« agierenden Kinderpornorings unter Befehl von Egon Krenz? Die Gerüchte, die über die Pionierrepublik »Wilhelm Pieck« im Umlauf sind, sollten sich nun endlich erhärten. Dort herrschte das Wohnprinzip nach »Familien«, wie in der scheußlichen Odenwaldschule. Die Schulappelle, die in der gesamten Republik häufig stattfanden, waren nichts anderes als die Diensteinteilung kindlicher Sexsklaven, die auf die Aufforderung des Befehlsgebers »Seid bereit!« im Chorus mit »Immer bereit!« antworten mußten.
Möglichkeiten, den DDR-Kommunisten sexuellen Mißbrauch von Schutzbefohlenen nachzuweisen, gibt es viele. Ein Erfolg wie beim Thema »Zwangsadoptionen im Auftrag Margot Honeckers« müßte doch drin sein: Nachzuweisen sind die zwar nicht. Sie werden aber – nicht zuletzt dank der überzeugenden Darstellung durch Veronica Ferres – als historische Tatsachen gehandelt.
Einige produktive Ansätze gab es. Bislang schafften sie es aber nie bis ins Fernsehen: Im Neuen Deutschland redete sich ein Opfer das Internatsleid von der Seele. Nun sollten die berühmten DDR-Internate Schulpforta, Wiesenburg und Wickersdorf, längst in freiheitlich-demokratischer Hand, endlich ihre Geschichte unter der Knechtschaft der Kinderschänder aufarbeiten, damit das Publikum begreift: Schmutziger Sex mit Dreijährigen war ein Wesenszug der Partei neuen Typs.
Jetzt endlich, am Donnerstag abend im ZDF dramatisch anmoderiert von Claus Kleber, überwinden einstige Insassen des Jugendwerkhofs Torgau ihre Sprachlosigkeit. Mehr davon. Sonst bliebe die DDR der einzige deutsche Staat, in dem Kinder einigermaßen heil davongekommen sind.
Junge Welt, 03. April 2010
This Post Has 0 Comments