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… die Wahlen wiederholt werden würden?

… die Wahlen wiederholt werden würden?

Und zwar die zur Volkskammer der DDR vom 18. März 1990. Und zwar wegen schweren Wahlbetrugs. Dem Scheine nach ist damals alles rechtsstaatlich verlaufen. Die sagenhaften 93,4 Prozent Wahlbeteiligung wurden erreicht, ohne daß jemand ins Wahllokal genötigt werden mußte. Keine Rentnerin wurde von fröhlichen Jungpionieren an der Wohnungstür aufgefordert, sich »für die friedliche Zukunft von uns Kindern« an die Urne zu schleppen. Parteisekretäre der SED-Grundorganisationen in den Betrieben hatten erstmals keine »Vorfeldarbeit« mehr zu leisten, bei der notorische Wahlverweigerer auf den Pfad der Tugend gewiesen wurden. Allerdings konnte sich auch niemand mehr eine neue Badewanne, einen Urlaubsplatz an der Ostsee oder einen Trabi-Auspuffkrümmer erpressen. Es ging ungeheuer vielfältig zu. Man konnte beispielsweise erstmals feministisch, konsequent feministisch und sogar radikal feministisch wählen, womit sich ein langer Traum der DDR-Bevölkerung, den sie in der Nacht der Diktatur geträumt hatte, erfüllte. Die internationalen Beobachter, vor allem aus der westdeutschen Bundesrepublik, fanden keine Mängel: Die Wahlkabinen waren erstmals blickdicht, und es lag ein gespitzter Bleistift in ihnen. Besser ging es nicht.

Betrug war es doch. Nicht nur, daß eine ausländische Macht ungeniert Wahlkampf auf dem Wahlgebiet geführt und dabei Obst, Würste, Fruchtzwerge und ADAC-Formulare in die Menge geworfen hatte. Diese ausländische Macht koordinierte und finanzierte auch die Wahlkampfzentralen aller größeren Parteien, es sei denn sie standen links von der Sozialdemokratie. Geschenkt! Aber der Wahlzettel war falsch. Auf ihm hätte stehen müssen: D-Mark ja oder nein?

Das letzte Begrüßungsgeld hatte eine westdeutsche Sparkasse im Dezember 1989 an DDR-Bürger ausgezahlt. Es war gleich am Auszahlungstag für Produkte draufgegangen, wie man sie heute in Läden der Ein-Euro-Kette findet. Meine Nachbarin lud mich an dem Abend des Tages, an dem sie 100 Westmark geschenkt bekommen hatte, in ihre Wohnung ein, um ihre »erste richtige Klobürste« mit Aluminiumgriff vorzuführen. Sie hatte elf DM gekostet und lag »ganz anders in der der Hand«.

Inzwischen war ein schmerzhafter D-Mark-Mangel in den Haushalten spürbar. Die Kinder fragten morgens ihre Mama, warum sie wieder Buchenteer-Sirup aus Zörbig auf die Stulle träufeln sollten. Man wußte, daß man nicht noch einmal begrüßt werden würde, jedenfalls nicht zu seinen Lebzeiten. Dieser Perspektive galt es schleunigst abzuhelfen. Und so erteilten die DDR-Bürger den bis dahin herrschenden angeblichen Kommunisten eine schmerzhafte Lehre – in angewandtem Materialismus.

Vorige Woche erklärten viel mehr Ostdeutsche, als damals die neue Währung gewählt haben, sie würden ein Leben im Sozialismus diesem sogenannten Leben, also ihrem Randdasein in der Demokratie, vorziehen. Tatsächlich: Sie sollten sich spaßeshalber zwischen Demokratie und Sozialismus entscheiden, und für einen Spaß sind sie immer zu haben. Als sie zu fast 100 Prozent den Sozialismus wählten, werden sie wohl gedacht haben »aber einen mit Südfrüchten, 32 Kaffeesorten und Westautos«. Und dann haben sie es den Meinungsforschern gegeben: Zwanzig Jahre haben sie gebraucht, um den Schwindel von damals zu durchschauen.

Allerdings können die Wahlen vom 18. März 1990 nicht wiederholt werden, denn zahlreiche Wähler, die sich damals böse vertan haben, stehen nicht mehr in den Wählerverzeichnissen, und Lothar de Mazière, Wolfgang Schnur und Ibrahim Böhme nicht mehr zur Verfügung. Der Weg, das Wahlergebnis von damals zu revidieren, wird also steinig und lang, vor allem, wenn wir ihn unter Führung von Sigmar Gabriel gehen.

Junge Welt, 19. März 2010

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