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… ich des Attentäters Vater wäre?

… ich des Attentäters Vater wäre?

Eltern sind überaus sensibel für das, was mit ihren Kindern vorgeht. Die Mutter meines Sohnes fragt ihn oft: »Was ist denn, warum ißt du denn nicht auf? Hast du was? Du hast doch was, mir kannst du es doch sagen!«

Diese Ansprechhaltung voller Zuwendung und Liebe hätte die Mutter des Attentäters ihrem Sohn gegenüber einnehmen sollen, dann wäre der Nichtsnutz nicht auf die Idee gekommen, sich auf dem Flug zu amerikanischen Freunden die Unterhose anzuzünden. Ich behaupte: Ein Kind, das in der Kindheit stabile Liebe erfahren hat, dem nicht mit Liebesentzug gedroht wurde (»…wenn du wieder die Klausur verkackst, bringe ich mich um!«) und dem nicht mit dem Leben an sich gedroht wurde (»Du landest auf Hartz IV!«) wird später nicht zum Attäterich. Da ist also in der Familie des Nigerianers schon mal was schief gelaufen.

Außerdem fallen in einer funktionierenden Kleinfamilie natürlich bestimmte Indizien auf. Es ist einfach heuchlerisch von dem Vater des Attentäters, wenn er jetzt seine Regierung mit der verkorksten Vita seines Sohnes belastet, während er wahrscheinlich zuvor jahrelang betrunken auf dem Sofa gesessen und Unterschichtenfernsehen geschaut hat. Oder nichts als seinen Schützenverein im Kopf hatte, wie die meisten Väter, deren Kinder Schulmassaker anrichten.

Als mein Sohn in der Boxhagener sein erstes Auto abgefackelt hatte (er sagt »mein erstes Auto« aber es war natürlich gar nicht seins, darin liegt ja der Witz), da habe ich es sofort gemerkt. Natürlich wußte ich nicht genau, was geschehen war, sondern nur, daß etwas geschehen war. Er war schon am Wochenende zuvor so komisch gewesen, wollte nicht mit zu Oma zum Kaffeetrinken gehen und nicht den Binder umbinden, den Mutti ihm aufs Bett gelegt hatte. Doch dann war er plötzlich so fröhlich und ausgeglichen und wollte sofort für zehn Tage mal mit seinen Eltern nach Mallorca reisen, »einfach mal weg hier«. Seine Klamotten, die er vor die Waschmaschine geschmissen hatte, rochen nach Ruß und Brandbeschleunigern. Da habe ich es ihm auf den Kopf zugesagt: »Lars, du hast doch wieder mit Streichhölzern gespielt!«

Ein freimütiger Umgangston in der Familie, wo die Probleme nicht unter den Gebetsteppich gekehrt werden, hilft schon, diese und jene Gewaltphantasie auszuräumen. Als Vater des Attentäters hätte ich beispielweise gesagt: »So, mal jetzt unter uns Männern, Filius – du möchtest also Amerikaner töten. Sicher, das ist immer noch besser, als jeden Tag bis Mitternacht an der Tanke abzuhängen. Aber wie wär’s, wenn ich dir eine Jahreskarte fürs Fitneßcenter spendiere? Oder dich in der Volkshochschule für Makramè und Batik anmelde?« Oft ist es nämlich die pure Langeweile, die Jugendliche in die Arme des Islamismus treibt. Der jetzt aufgeflogene junge Mann hatte sein BWL-Studium abgeschlossen, ihm fehlte die Gemeinschaft seiner Studiengruppe. Dann kamen die Jungs von Al-Qaida und haben ihn zum Saufen animiert …

Natürlich kann man seinen Kindern nicht in den Kopf schauen. Ich habe es auch zu spät gemerkt, als mein Sohn sich plötzlich für ein Theologiestu­dium eingeschrieben hatte. »Ausgerechnet Theologie«, schimpfte ich, »wo doch die theologischen Fundamentalisten soviel Unheil angerichtet haben. Denke doch nur mal an Markus Meckel oder diesen Eiferer Christoph Matschie von der SPD in Thüringen!« Allein die Nennung dieser Namen, denen ein Schwefelgeruch anzuhaften scheint, haben bei meinem Sohn einen Umdenkungsprozeß eingeleitet. Neulich habe ich ihn mit Karten für einen Gustav-Mahler-Abend mit den Berliner Philharmonikern überrascht. Er hat sich sehr gefreut, konnte aber terminlich nicht. Daß in derselben Nacht Luxuswohnungen am Friedrichshain niederbrannten, ist Zufall. Merke: Kinder, denen man Schlechtes unterstellt, werden auch schlecht!

Ich könnte zur Polizei oder zur amerikanischen Botschaft gehen, wie es der Vater des Attentäters getan hat. Die würden den Lars dann auf irgendeine Liste schreiben. Aber mir bei der Erziehung des Jungen helfen würden sie auch nicht. Besser ist es, den innerfamiliären Kontrolldruck zu erhöhen. Ich habe seine Mutter angewiesen, die Unterhosen unseres Sohnes auf Brandspuren zu untersuchen. Bis jetzt hat sie nur Bremsspuren gefunden.

Junge Welt, 02. Januar 2010

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