… unsere Soldaten im Mohnfeld das Vertrauen in die Regierung verlören?
… unsere Soldaten im Mohnfeld das Vertrauen in die Regierung verlören?
Daß sie genau das zu tun erwägen, hat ihr oberster Vertrauensmann, der Wehrbeauftragte Robbe, gestern drohend angekündigt. Die Soldaten im Felde, so Robbe, könnten von gleich auf jetzt ihr Vertrauen in die politische Führung verlieren, so wie andere Leute einen Knopf oder ihre Jungfräulichkeit. Es gäbe untrügliche Anzeichen dafür, daß das Vertrauen der kämpfenden Truppe bereits außerordentlich locker säße und schon ziemlich fragil aus der Manteltasche heraushänge. Abends säßen die Infanteristen oft beim Feuer, tränken manches Bier und sinnierten darüber, wem in der Regierung sie überhaupt noch vertrauen könnten. Und ob es noch sinnvoll sei, am nächsten Morgen aus dem Bett zu kriechen und zur Arbeit in den Hindukuschbusch zu trotten.
Ja, ihrem Jung Siegfried, dem zu Guttenberg, hätten sie liebend gern vertraut, schneidig wie der war. War! Seit Mittwoch sieht es doch so aus, als schwitze er unangemessen in seinem absolut angemessenen Anzug. An- und Unangemessenheit scheinen die beiden Pole zu sein, zwischen denen es den deutschen Hochadel hin- und herreißt. Bei Tische zu rülpsen und in einer Talk-Show zu popeln ist unangemessen, geschätzte hundert Zivilisten beim Treibstoffdiebstahl von der Luft aus von der Begehung dieser Straftat abzuhalten, ist angemessen.
War es aber auch angemessen, den obersten Soldaten der Republik, Herrn Schneiderhan, in die Wüste zu schicken, und zwar in Rentnerzivil und ohne seine Feldflasche (die er am Tage seiner Entlassung, wie ein Magazin detailverliebt berichtete, abgeben mußte, aber zunächst nicht fand, schließlich ganz unten im Spind entdeckte, zusammen mit einem Bericht über irgendeine Bombardierung)? Gleichzeitig ihrem General und ihrem Minister vertrauen– das ist für unsere Soldaten in Afghanistan nun nicht mehr möglich. Der eine ist gefeuert, der andere nicht mehr vollends heil. Sie befinden sich in einer klassischen Vertrauenskrise, was – nach Meinung von Experten – im modernen Krieg zu Harnverhaltung führen kann. Und die dem Kämpfer, befangen in selbstquälerischer Grübelei über Recht und Unrecht, genau jene Sekunden stiehlt, die es bräuchte, einen Taliban zu füsilieren, um nicht selbst erschossen zu werden; diesen Zusammenhang erklärte ein Feldwebel den Deutschen am Mittwoch im heute-Journal.
Zweites Element der Vertrauenskrise: die Kartentasche. Bei uns Bürgern in der Etappe enthält die Kartentasche eine BVG-Netzübersicht, Aspirin, Lipgloss oder Fußpilzsalbe und wahlweise Elemente der Damenhygiene oder eine Tagesration Kondome. Im Felde jedoch kommt noch ein soldatischer Einkaufszettel hinzu. Darauf steht, wie viele Zivilisten man ungestraft erschießen bzw. bombardieren darf und daß man innehalten soll, wenn der Feind plötzlich das Lied der Deutschen zu summen anhebt. Gilt die Kartentasche noch? Und wird der Minister im Zweifelsfalle seine Unterstellten vor Menschengerichtshöfen verteidigen, wo er sich doch nicht mal richtig selbst verteidigen kann?
Schließlich registriert der Soldat an der vorderen Linie sensibel, wie sich Abgeordnete und die liberale Tendenzpresse im Tone vergreifen. Mehrmals, genau vier Mal, mußte zu Guttenberg die Opposition am Mittwoch im Parlament rhetorisch bis dorthinaus fragen, ob sie denn keinen Anstand besäße bzw. welche Kinderstube sie genossen habe. Selbst als er die Meute daran gemahnte, daß sich just in dieser Stunde ein Soldat in Afghanistan an der Hand verletzt hatte (allerdings beim Küchendienst), gelang es dem Minister nicht, Besinnlichkeit ins Hohe Haus zu zwingen. Darf man daran erinnern, daß die Sozialdemokratie schon einmal deutschen Soldaten in der Stunde höchster Not in den Rücken gestochen hat, was ihr als »Dolchstoßlegende« heute noch moralisch zu schaffen macht? »Im Felde unbesiegt«, aber von Sozis aller Couleur verraten, sind die Truppen damals heimgekommen, so wie wenig später die Amerikaner aus Vietnam, auch mit zahlreichen Dolchen aus der Heimat im Rücken. Ist es wieder soweit?
Wenn unsere Soldaten in Afghanistan morgen oder übermorgen das Vertrauen verlieren, hülfe auch nicht Florian Silbereisen bei der Truppenbetreuung. Dann stünde es schlecht um die Regierung. Praktisch müßte sie sich bei Blackwater eine niegelnagelneue Armee zusammenstellen lassen.
Wenn dagegen wir an der Heimatfront das Vertrauen in die Regierung verlieren, fällt das gar nicht auf. Deshalb haben wir ja nicht einmal einen Heimatfrontbeauftragten, der der Kanzlerin mit unserer Vertrauenskrise drohen könnte.
Junge Welt, 18. Dezember 2009
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