… der Stalinismus ausbräche?
… der Stalinismus ausbräche?
Und natürlich darf er auch nur infolge einer breiten gesellschaftlichen Debatte in Spiegel, Bild und im Managermagazin – beinahe hätte ich gesagt »an die Macht« – an die frei gewählte Regierung kommen. Sonst lieber gar nicht. Wenn irgendwelche Gemeinheiten passieren müssen, um Sozialismus herzustellen, zum Beispiel Enteignungen oder Erschießungen oder wenigstens Verhängung von Hausarrest und Besetzung des ZDF, dann wollen wir ihn nicht. Sondern irgend etwas anderes, was wir aber noch nicht kennen, was aber mit der Beteiligung an beliebigen Regierungen anfängt und bestimmt lustig wird (denn Spaß wollen wir auch haben).
Das ist der Stand der Diskussion in der deutschen Linken nach zwanzig Jahren. Sie hat gelernt, die Geschichte in gut und böse einzuteilen, wie das vom Bürgertum und seinen Institutionen erwartet wird. Deshalb fällt so ein Vorwurf, in die Partei Die Linke sei der Stalinismus zurückgekehrt, stünde zumindest schon in der Tür und röche nach Wodka und Machorka, besonders hart aus. Das Böse, der ungeliebte Heimkehrer, der gruselige Wiedergänger! Die bürgerliche Presse hat den Stalinismus in der Linken natürlich auch schon ausgemacht: Die können es einfach nicht lassen, diese Linken, ruft sie, das steckt bei denen in den Genen; gibst du denen eine Bauerlaubnis und einen Minibagger in die Hand – flugs wird ein Gulag daraus.
Gegenwärtig wird das Wiederauftauchen des Stalinismus an folgenden Phänomenen festgemacht: Ein Parteivorsitzender mag seinen Generalsekretär nicht mehr, und beide trauen einander nicht über den Weg. So wie einst Helmut Kohl und Heiner Geißler. Sie sprechen wechselseitig nicht oder ausgesprochen schwärmerisch übereinander – natürlich, um ihren Haß zu tarnen. So wie einst Wehner über Brandt (badet lau), Möllemann über Westerwelle, Westerwelle über Wolfgang Gerhardt, Trittin über Gunda Röstel (»Hilfsschullehrerin aus dem Osten«). Es gibt sehr vorsichtig (gerichtsfest) formulierte Briefe aus den Kollektiven der Werktätigen, die allesamt Sorge um »die Sache« ausdrücken, in Wahrheit blanke Denunziationen darstellen. So wie die Wortmeldungen der »CDU-Rebellen«, deren Namen man sich nicht merken muß, die sich um die Führungsstärke von Frau Merkel sorgen. Woanders ist das lebendige Auseinandersetzung, vielleicht auch mal Hinterhältigkeit oder Charakterschwäche oder ein »durchgegangenes« Temperament. In der Linken ist es Stalinismus. Inzwischen sitzt Dietmar Bartsch im Hotel »Lux«, spielt Domino mit Wilhelm Pieck und lauscht, ob ein schwerer Wagen vorfährt.
Daß Gregor Gysi (wie die bürgerliche Presse genüßlich beschreibt) mit Dietmar Bartsch gemeinsam im Auto gesessen haben soll (auf der Rückfahrt von Rosa, wo doch jeder Linke besonders ehrlich gestimmt sein sollte!) und nicht zu Bartsch gesagt haben soll: Du, morgen mach ich dich zur Schnecke, läßt darauf schließen, daß es aus ist mit Bartsch. In einem Talkschauprozeß in der Volksbühne, bei dem auch Gysis Ärzte angeklagt sind, kann er sich durch umfassende Selbstkritik eine saubere Erschießung erstreiten.
Nein, da möchte man nicht als Linker geboren sein.
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