… die Bahn wieder führe?
… die Bahn wieder führe?
In der Regionalbahn, im Zug nach Eberswalde: Stimmt, versichern einander zwei träge Frauen mit vom System und seinem Fraß furchtbar entstellten Körpern, stimmt, die Bahn »bei uns im Osten« war fürchterlich! Und dreckig! Aber mit ihr zu fahren, kostete fast nichts, vergleicht man es mit heute. »Ein bißchen teurer hätten wir sie machen müssen«, sagt die eine. Wir! »Dann wäre sie auch besser gewesen, nicht so wie heute.« Dann klappt die eine die Lider runter. Dann auch die andere. Eine preiswerte Bahn, die funktioniert und sauber ist– sollte das so einfach sein? Wenn ja, dann wäre eigentlich Kommunismus fällig.
Die Bahn, die dem kapitalistischen Staat gehört, hat jetzt einen atemberaubenden Modernisierungsschritt angekündigt. Im Frühjahr 2013 wird es »spürbare Verbesserungen im Fernverkehr« regnen. »Wenn ich’s noch erlebe«, pflegt meine betagte Schwiegermutter bei Langzeitprognosen zu ergänzen und klopft dreimal auf Holz. Was bis dahin geschehen soll? Nun, »große Anstrengungen« werden unternommen, wie bis jetzt auch.
Wie sieht die »Modernisierungsoffensive« aus? Doppelstockwagen vom Regionalverkehr, mit denen die beiden Frauen nach Eberswalde – schlimmer noch: nach Schwedt – gondeln, sollen die ICE-Flotte verstärken und 160 km/h erreichen, wahrscheinlich »farbenfroh« angestrichen. Denn sie sind zwar alt, aber die ICE sind älter!
Die Doppelstockwagen der Regionalzüge sind eine Zumutung für jegliches lebende Material, einschließlich Läuse und Pflanzen. Auf dem Bahnhof Bernau heißen sie Proletenschleuder (es gibt auch noch schlimmere Namen). Sie sind das Minimum an Mobilität, das man Leuten, die »frühmorgens auf den Beinen« (Angela Merkel) sind, zubilligt. Sie riechen nach Klo von vorn bis hinten. Wenn die Dinger bremsen, stinkt der Bahnsteig nach heißem, rostigem Eisen. Auf der sogenannten Eselsbrücke (es gibt noch schlimmere Namen), einem Zwischendeck zwischen unten und oben, kann man nicht durch die Fenster sehen. In der dunklen Jahreszeit teilen sich zwanzig Passagiere eine funzelnde Leuchtstoffröhre. Im oberen Stock ist es so eng, daß man gezwungen ist, mit dem Sitznachbarn zu transpirieren. Nur an wenigen Plätzen ist es möglich, Kleidungsstücke aufzuhängen. Die Menschen dampfen in ihren Outdoorjacken. Einige Sitzreihen sind wie für einen Gefangenentransport angeordnet. Sie zwingen zu einer regungslosen, schmerzhaften Sitzhaltung. Personen über 1,75 lichte Höhe können nicht an den Außenseiten sitzen – es sei denn, sie halten permanent den Kopf schief – und kaum im Gang gehen. Es ist dreckig, klebrig und speckig und über den Achsen so laut wie bei einer Fahrt auf offener Ladefläche. Gespräche sind nur möglich, wenn man schreit. Aber es gibt keine Gespräche. Die Art der Beförderung, die rüde Herablassung des Staatsbetriebes gegenüber Leuten, die »frühmorgens auf den Beinen sind«, die vollständige Abwesenheit von Zweckmäßigkeit, von Zuwendung in Form und Funktion, von Schönheit zu schweigen, macht stumm, gleichgültig und böse. Dafür wird man in Englisch begrüßt und mit der Fanfare zu »Jetzt kommen die lustigen Tage«.
Kürzlich fuhr ich mit einer Freundin aus der Schweiz im Regionalzug. Als wir den Hauptbahnhof verließen, schnatterte sie noch. Doch dann verstummte auch sie. »So still sind die Leute in keiner Bahn der Welt«, sagte sie. Sie schiebt das auf die Diktatur. Ich fahre diese Strecke zweimal täglich. Da macht man sich über die, die »früh auf den Beinen sind«, keine Illusionen.
Mit diesen Wagen will die Bahn in die zweite Hälfte des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts starten. Eine ungeheure Investition, nach der dann sicherlich so bald nichts mehr kommt. Die alten ICE will sie »in Reserve« halten.
Wenn also die Bahn bald wieder führe, und zwar – welch kecke, ja witzige Innovation! – mit ollen Doppelstocklern: Was führe dann nach Schwedt und Wriezen? Viehwaggons?
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