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… die D-Mark wiederkäme?

… die D-Mark wiederkäme?

Die Ostmark haben wir verlacht, die D-Mark haben wir verachtet, den Euro hassen wir. Die D-Mark war der Vollzug der Wiedervereinigung, die Heimholung Mitteldeutschlands unter die Hoheit des rheinischen Großkapitals. Sie war die Währung, in der die Ostdeutschen aufgekauft wurden. Gesunden Ostlern war es bei ihrer »Einführung« klar, daß sie ihnen nur jemals in ausreichender Menge zur Verfügung stehen würde, wenn sie einträgliche Verbrechen begingen. Also nie, denn dazu waren sie nicht ausgebildet. Als die D-Mark »kam«, sahen wir mit Schrecken, von was für kriecherischen, sklavischen Charakteren wir all die Jahre lang in der Zone umgeben gewesen waren: Männer besoffen sich am Anblick der Währung, weinten vor Rührung in den Warteschlangen der Banken, und Weiber schoben sich kreischend die Scheine in den Schritt. Von da an mußten die Ostdeutschen sich, von den glücklichen Rentnern abgesehen, für die D-Mark prostituieren und nannten das bis in die Mitte der Neunziger hinein »Freiheit«.

Wir indes (mit »wir« meine ich mich und noch zwei, drei Leute) vergruben ein Beutelchen mit Alupfennigen im Abstandsgrün, weinten lachend eine heiße Träne drauf. Seitdem wächst dort eine Distel.

Den Euro hassen wir. Er ist die Hinterlassenschaft des Machtpolitikers Kohl. Mit dem Euro folgte er dem Begehr der besitzenden Klasse in Deutschland, Märkte dauerhaft zu sichern und dem Kapital Verwertungsbedingungen zu schaffen, wie es das nordamerikanische hatte. Er ist die Währung der europäischen Rassisten: Mit dem Euro und »Europa« wurde weiträumig gegenüber fremden Rassen aus aller Welt dicht gemacht. Er ist die Währung des europäischen Sozialabbaus. Der Euro war eine kalte Geldentwertung. Die Einkommen wurden halbiert aber die Preise für fast alles erreichten innerhalb von zwei Jahren D-Mark-Niveau. Als wir nach drei Jahren unsere Kosten – auch Gebühren, Mieten und Tarife – immer noch heimlich in D-Mark umrechneten und jeweils erschraken, verbot uns die Massenpresse solches Tun strikt. Denn Europa, sagte sie, ist ein großartiges Projekt.

Als auf den Euro »umgestellt« worden war, vergruben wir ein Beutelchen mit bundesdeutschen Nickelpfennigen neben dem Beutelchen mit den Alupfennigen, dort, wo die Distel wächst.

Wenn der Euro platzen würde, hätten wir den Griechen (und vielleicht auch den Spaniern) viel zu verdanken. Ihre sympathische Neigung, Steuern zu vermeiden, der Schwarzarbeit nachzugehen, dem kapitalistischen Effizienzdruck regionale, ja dörfliche Systeme der gegenseitigen Gefälligkeiten und der befriedigenden Gegenleistung entgegen und dabei doch immer wieder ihre Regierungen unter Druck zu setzen, nötigt Respekt ab. Sie sind die Erfinder der Demokratie und erfinden sie immer wieder neu. Demokratie ist doch, wenn die Regierung sich genötigt fühlt, ihren Angestellten ein 13. und 14. Gehalt zu zahlen und die Leute so früh in den Lebensfeierabend gehen zu lassen, wie sie wollen. Und dabei sind die Griechen heiter und sangesfreudig, essen gut, hassen den Kitsch und vergessen nicht, was man ihnen angetan hat. Daß sich die hiesige Presse der besitzenden Klasse auf sie einschießt, ist kein Wunder.

Würde der Euro platzen, wäre auch der europäische Wasserkopf geplatzt. Tausende Menschen, die von den europäischen Institutionen ernährt werden, müßten in die Landwirtschaft gehen oder gewinnbringend heiraten. Die Staaten hätten nach dieser »Niederlage« eine Denkpause verdient und könnten überlegen, ob das Leben weiter der europäischen Logik, also der kapitalistischen Verwertungslogik, folgen muß. Oder ob man nicht ein bißchen wie die Griechen leben könnte.

Und wir würden das Säckchen mit den Nickelmünzen wieder ausgraben, der Kapitalstock für eine neue, schönere Zeit.

Junge Welt, 05. März 2010

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