{"id":546,"date":"2011-01-13T21:59:34","date_gmt":"2011-01-13T19:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=546"},"modified":"2011-01-13T22:01:38","modified_gmt":"2011-01-13T20:01:38","slug":"%e2%80%a6-die-bahn-wieder-fuhre","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/546","title":{"rendered":"\u2026 die Bahn wieder f\u00fchre?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 die Bahn wieder f\u00fchre?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Seit besagter Konferenz, von der nicht wenige Leute meinen, sie habe in Luxemburg stattgefunden, wird einem ungebeten Bescheid gesto\u00dfen. In der Kaufhalle, also im Supermarkt, br\u00fcllt einer, schon wegen dem Dioxin m\u00fcsse der Kommunismus her, und zwar avanti! Wer denn, bittesch\u00f6n, das Zeug, das der Kapitalismus zusammenpansche, noch fressen solle. Der Mann wurde von Rentnerinnen niedergezischt und von der Kassiererin gebeten, \u00bbeinen Blick\u00ab in seinen Beutel zu gestatten.<\/div>\n<p>In der Regionalbahn, im Zug nach Eberswalde: Stimmt, versichern einander zwei tr\u00e4ge Frauen mit vom System und seinem Fra\u00df furchtbar entstellten K\u00f6rpern, stimmt, die Bahn \u00bbbei uns im Osten\u00ab war f\u00fcrchterlich! Und dreckig! Aber mit ihr zu fahren, kostete fast nichts, vergleicht man es mit heute. \u00bbEin bi\u00dfchen teurer h\u00e4tten wir sie machen m\u00fcssen\u00ab, sagt die eine. Wir! \u00bbDann w\u00e4re sie auch besser gewesen, nicht so wie heute.\u00ab Dann klappt die eine die Lider runter. Dann auch die andere. Eine preiswerte Bahn, die funktioniert und sauber ist\u2013 sollte das so einfach sein? Wenn ja, dann w\u00e4re eigentlich Kommunismus f\u00e4llig.<\/p>\n<p>Die Bahn, die dem kapitalistischen Staat geh\u00f6rt, hat jetzt einen atemberaubenden Modernisierungsschritt angek\u00fcndigt. Im Fr\u00fchjahr 2013 wird es \u00bbsp\u00fcrbare Verbesserungen im Fernverkehr\u00ab regnen. \u00bbWenn ich\u2019s noch erlebe\u00ab, pflegt meine betagte Schwiegermutter bei Langzeitprognosen zu erg\u00e4nzen und klopft dreimal auf Holz. Was bis dahin geschehen soll? Nun, \u00bbgro\u00dfe Anstrengungen\u00ab werden unternommen, wie bis jetzt auch.<\/p>\n<p>Wie sieht die \u00bbModernisierungsoffensive\u00ab aus? Doppelstockwagen vom Regionalverkehr, mit denen die beiden Frauen nach Eberswalde \u2013 schlimmer noch: nach Schwedt \u2013 gondeln, sollen die ICE-Flotte verst\u00e4rken und 160 km\/h erreichen, wahrscheinlich \u00bbfarbenfroh\u00ab angestrichen. Denn sie sind zwar alt, aber die ICE sind \u00e4lter!<\/p>\n<p>Die Doppelstockwagen der Regionalz\u00fcge sind eine Zumutung f\u00fcr jegliches lebende Material, einschlie\u00dflich L\u00e4use und Pflanzen. Auf dem Bahnhof Bernau hei\u00dfen sie Proletenschleuder (es gibt auch noch schlimmere Namen). Sie sind das Minimum an Mobilit\u00e4t, das man Leuten, die \u00bbfr\u00fchmorgens auf den Beinen\u00ab (Angela Merkel) sind, zubilligt. Sie riechen nach Klo von vorn bis hinten. Wenn die Dinger bremsen, stinkt der Bahnsteig nach hei\u00dfem, rostigem Eisen. Auf der sogenannten Eselsbr\u00fccke (es gibt noch schlimmere Namen), einem Zwischendeck zwischen unten und oben, kann man nicht durch die Fenster sehen. In der dunklen Jahreszeit teilen sich zwanzig Passagiere eine funzelnde Leuchtstoffr\u00f6hre. Im oberen Stock ist es so eng, da\u00df man gezwungen ist, mit dem Sitznachbarn zu transpirieren. Nur an wenigen Pl\u00e4tzen ist es m\u00f6glich, Kleidungsst\u00fccke aufzuh\u00e4ngen. Die Menschen dampfen in ihren Outdoorjacken. Einige Sitzreihen sind wie f\u00fcr einen Gefange\u00adnentransport angeordnet. Sie zwingen zu einer regungslosen, schmerzhaften Sitzhaltung. Personen \u00fcber 1,75 lichte H\u00f6he k\u00f6nnen nicht an den Au\u00dfenseiten sitzen \u2013 es sei denn, sie halten permanent den Kopf schief \u2013 und kaum im Gang gehen. Es ist dreckig, klebrig und speckig und \u00fcber den Achsen so laut wie bei einer Fahrt auf offener Ladefl\u00e4che. Gespr\u00e4che sind nur m\u00f6glich, wenn man schreit. Aber es gibt keine Gespr\u00e4che. Die Art der Bef\u00f6rderung, die r\u00fcde Herablassung des Staatsbetriebes gegen\u00fcber Leuten, die \u00bbfr\u00fchmorgens auf den Beinen sind\u00ab, die vollst\u00e4ndige Abwesenheit von Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, von Zuwendung in Form und Funktion, von Sch\u00f6nheit zu schweigen, macht stumm, gleichg\u00fcltig und b\u00f6se. Daf\u00fcr wird man in Englisch begr\u00fc\u00dft und mit der Fanfare zu \u00bbJetzt kommen die lustigen Tage\u00ab.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich fuhr ich mit einer Freundin aus der Schweiz im Regionalzug. Als wir den Hauptbahnhof verlie\u00dfen, schnatterte sie noch. Doch dann verstummte auch sie. \u00bbSo still sind die Leute in keiner Bahn der Welt\u00ab, sagte sie. Sie schiebt das auf die Diktatur. Ich fahre diese Strecke zweimal t\u00e4glich. Da macht man sich \u00fcber die, die \u00bbfr\u00fch auf den Beinen sind\u00ab, keine Illusionen.<\/p>\n<p>Mit diesen Wagen will die Bahn in die zweite H\u00e4lfte des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts starten. Eine ungeheure Investition, nach der dann sicherlich so bald nichts mehr kommt. Die alten ICE will sie \u00bbin Reserve\u00ab halten.<\/p>\n<p>Wenn also die Bahn bald wieder f\u00fchre, und zwar \u2013 welch kecke, ja witzige Innovation! \u2013 mit ollen Doppelstocklern: Was f\u00fchre dann nach Schwedt und Wriezen? Viehwaggons?<\/p>\n<div>Junge Welt, 14. Januar 2011<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 die Bahn wieder f\u00fchre? 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