{"id":542,"date":"2011-01-03T09:00:39","date_gmt":"2011-01-03T07:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=542"},"modified":"2011-01-03T09:00:39","modified_gmt":"2011-01-03T07:00:39","slug":"%e2%80%a6-burger-versucht-waren-das-regierungsgebaude-zu-sturmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/542","title":{"rendered":"\u2026 B\u00fcrger versucht w\u00e4ren, das Regierungsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 B\u00fcrger versucht w\u00e4ren, das Regierungsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Sagen wir, es w\u00e4ren \u00bbmehr als 10000\u00ab. Eine Zahl, die bereits aus geringem Anla\u00df, wie den Ersatz eines h\u00e4\u00dflichen Bahnhofs durch einen h\u00e4\u00dflichen Bahnhof, erreicht werden k\u00f6nnte. Zugegeben, keine gem\u00fctliche Zahl f\u00fcr eine Regierung in einem Regierungsgeb\u00e4ude, eine Zahl, die nerv\u00f6s machen k\u00f6nnte. Also, sagen wir lieber, es w\u00e4ren 1000 oder, noch besser, 500 und sie untern\u00e4hmen den \u00bbVersuch, das Regierungsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen\u00ab, also das Bundeskanzleramt zu \u00fcberrennen, dort die Kantine leerzufressen und dann den Roten Hahn darauf zu setzen.<\/p>\n<p>Der Anla\u00df f\u00fcr ihr gewaltt\u00e4tiges und gesetzloses Engagement \u2013 denn nirgendwo auf der Welt kann man ein Regierungsgeb\u00e4ude friedlich und gesetzeskonform \u00bbst\u00fcrmen\u00ab \u2013 sei in unserem Gedankenexperiment dahingestellt: Es k\u00f6nnten Mitarbeiter von Schneer\u00e4umdiensten sein, die es einfach satthaben. Oder die gesamte KPD. Oder Krankenschwestern, die ihre unterbezahlte Existenz zur Gewalt gegen das Kanzleramt motiviert. Oder pubertierende Kinder, die ihr Popidol in den R\u00e4umen der Kanzlerin zu Gast vermuten und es da rausholen wollen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Rest der Bev\u00f6lkerung, nehmen wir weiter an, beteiligte sich nicht an dem Spektakel, stand ihm gleichg\u00fcltig oder ablehnend gegen\u00fcber. Der gro\u00dfe Rest \u2013 das k\u00f6nnten beispielsweise 79,7 Prozent der w\u00e4hlenden B\u00fcrger sein. Oder, wie es der Spiegel formulierte, \u00bbangeblich 79,7 Prozent\u00ab. Diese Zahl geh\u00f6rte k\u00fcrzlich dem wei\u00dfrussischen \u00bbAutokraten\u00ab (alle Zitate im folgenden aus dem Spiegel) Lukaschenko. So viele Leute hatten ihn \u2013 wiederholt \u2013 zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Angeblich gew\u00e4hlt, nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Dieses \u00bbangeblich\u00ab hat es in sich. Es ist der kleine Rest, ein letztes St\u00e4ubchen von dem massiven Wahlbetrug, der bereits zehn Tage vor der Wahl durch die deutschen Leitmedien wanderte. Gegner Lukaschenkos, irrlichternde Personen, die selbst der Spiegel nur mit H\u00e4ngen und W\u00fcrgen als Opposition benamsen kann, sagten in bundesdeutschen \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern den \u00bbmassiven Wahlbetrug\u00ab voraus und forderten die H\u00f6rer auf, nicht per Brief zu w\u00e4hlen, weil diese Briefe von Lukaschenko regelm\u00e4\u00dfig gestohlen w\u00fcrden. Sie sollten diesen Rat, bittesch\u00f6n, den Wei\u00dfrussen irgendwie weitersagen. Es half alles nichts. Als dann rund drei Viertel der Wei\u00dfrussen, die zur Wahl gegangen waren (oder einen Brief geschickt hatten), Lukaschenko angeblich gew\u00e4hlt hatten, \u00bbda gingen in Minsk mehr als 10000 auf die Stra\u00dfe\u00ab, von denen einige den \u00bbVersuch, das Regierungsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen\u00ab, wagten.<\/p>\n<p>Wie der ausging? Wie ginge es denn aus, wenn 500 \u2013 oder sagen wir 100 \u2013 versuchen w\u00fcrden, das Kanzleramt zu st\u00fcrmen? Wie darf man sich den Verlauf dieses Versuches in der bestgemusterten Demokratie der Welt, in der man auf diversen Kanzlerinnengipfeln oder auf dem Wege der Schlichtung noch immer einen Interessen-Konsens produziert, vorstellen? Wahrscheinlich so: Die Geheimpolizei w\u00e4re \u00bbgut vorbereitet\u00ab. Sie w\u00fcrde nicht schie\u00dfen (nat\u00fcrlich nicht!), aber \u00bbkn\u00fcppelte die Demonstranten nieder\u00ab. Nicht alle. Aber doch die, die den Fu\u00df ins Kanzleramt setzen wollten. Vielleicht w\u00e4re auch der Einsatz von Gas oder Wasserwerfern das Mittel der Wahl. Dann n\u00e4hme die Geheimpolizei \u00bbeinige hundert von ihnen fest\u00ab. Die R\u00e4delsf\u00fchrer w\u00fcrden nat\u00fcrlich an einen unbekannten Ort verbracht, so da\u00df sie ausl\u00e4ndische Reporter (z.B. des belorussischen Fernsehens) nicht gleich befragen k\u00f6nnten, ob sie diese ungeheuerliche und brutale Reaktion des Staates, der sich eine Demokratie d\u00fcnkt, f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tten. \u00bbVon \u203aBanditen\u2039, die Massenunruhen ausgel\u00f6st h\u00e4tten\u00ab, spr\u00e4che anderntags wahrscheinlich die Kanzlerin. V\u00f6llig zu Recht! Nat\u00fcrlich g\u00e4be es, wie regelm\u00e4\u00dfig nach 1.-Mai-Feuern in Kreuzberg, \u00bbSchnellverfahren\u00ab, die empfindliche Tagess\u00e4tze Strafe verh\u00e4ngten.<\/p>\n<p>Am Montag w\u00fcrde der Spiegel triumphieren: \u00bbDer Versuch, das Regierungsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen, mi\u00dflang.\u00ab Wahrscheinlich w\u00fcrde er im Sinne des unabh\u00e4ngigen und den Fakten ergebenen Journalismus, hinzusetzen: \u00bbEr endete blutig.\u00ab<\/p>\n<p>Wenn eine Handvoll Leute, warum auch immer, das Kanzleramt st\u00fcrmen und zur Wiederherstellung der Gesetzlichkeit mit Kn\u00fcppeln touchiert werden w\u00fcrden, was w\u00e4re das? \u00bbEs w\u00e4re ein \u00fcbler R\u00fcckfall in alte Zeiten\u00ab (als die SA auf Sozialdemokraten und Kommunisten scho\u00df), und \u00bbdas westliche Europa k\u00e4me in Erkl\u00e4rungsnot\u00ab, was es denn mit einer Kanzlerin anfangen solle, die keinen Deut besser w\u00e4re als der Autokrat in Minsk.<\/p><\/div>\n<div>Junge Welt, 31. Dezember 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 B\u00fcrger versucht w\u00e4ren, das Regierungsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen? Sagen wir, es w\u00e4ren \u00bbmehr als 10000\u00ab. Eine Zahl, die bereits aus geringem Anla\u00df, wie den Ersatz eines h\u00e4\u00dflichen Bahnhofs durch einen h\u00e4\u00dflichen Bahnhof, erreicht werden k\u00f6nnte. 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