{"id":499,"date":"2010-10-25T08:12:18","date_gmt":"2010-10-25T06:12:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=499"},"modified":"2010-10-25T08:14:12","modified_gmt":"2010-10-25T06:14:12","slug":"die-veranderungsverweigerung-um-sich-griffe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/499","title":{"rendered":"&#8230; die Ver\u00e4nderungsverweigerung um sich griffe?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>&#8230; die Ver\u00e4nderungsverweigerung um sich griffe?<\/strong><\/span><\/p>\n<div>Sie hat ihr Gutes, sie stiftet einen seltenen Konjunktiv \u00bb\u2026wenn sie um sich griffe\u00ab. Der ist allerdings gesch\u00f6nt, denn sie greift bereits. Wo immer Angela Merkel dieser Tage auftaucht, um in Stadthallen ihre holprige Standardrede vor der lokalen CDU-Klientel zu halten, stehen ihr, kaum ist sie aus dem Wagen gekrochen, Ver\u00e4nderungsverweigerer vor dem Leib herum, fitte Senioren und Seniorinnen in aktuellem Outdoor-Outfit, Reflektorb\u00e4ndchen an Armen und Fu\u00dfgelenken, Stullenp\u00e4ckchen und Thermosflasche im Rucks\u00e4ckchen verstaut, Trillerpfeife im Mund und \u2013 zumeist unerkl\u00e4rliche, nichtsdestoweniger lodernde \u2013 Wut und totale Bereitschaft zur Nichtver\u00e4nderung im Blick. Verj\u00fcngte Alte kann man sie nennen, denn sie sind hier, um die Demokultur ihrer Jugend wieder aufleben zu lassen, was auf jeden Fall die geselligere Variante einer Kaffeefahrt oder einer Schiffsreise auf der Donau ist.<\/p>\n<p>Die Kanzlerin fragt dann jeweils den christdemokratischen Lokalf\u00fcrsten, gegen welche etwaigen Ver\u00e4nderungen es denn diesmal gehe. Das ist oft gar nicht so genau auszumachen, weil h\u00e4ufig mehrere Nichtver\u00e4nderungen gleichzeitig auf der Tagesordnung stehen. Am Dienstag in L\u00fcbeck fuchtelten die Leute gegen die lange Br\u00fccke nach D\u00e4nemark, die sogenannte Fehrmarnbeltquerung, mit den F\u00e4usten. Andere wollten ihr Renteneintrittsalter nicht ver\u00e4ndert sehen, aber andererseits auch nicht nach D\u00e4nemark schwimmen, und wieder andere w\u00fcteten gegen eine Verl\u00e4ngerung von Laufzeiten. \u00bbWelche Laufzeiten, welche Route?\u00ab fragte die Kanzlerin, denn sie selbst l\u00e4uft auch nicht so schrecklich gern. Und alle diese ehrlichen Ver\u00e4nderungsverweigerer erkl\u00e4rten ihr Nichtver\u00e4nderungsprojekt als ihr ganz pers\u00f6nliches \u00bbStuttgart 21\u00ab!<\/p>\n<p>\u00bbStuttgart 21\u00ab ist jetzt die Chiffre f\u00fcr das, was fr\u00fcher gelegentlich Revolution genannt wurde. Der Sturm auf das Petrograder Winterpalais 1917 durch die Leninschen Horden \u2013 was war er anderes als ein \u00bbStuttgart21\u00ab? \u00bbStuttgart 21\u00ab ist die knallharte Kampfansage an die herrschende politische Kaste, gern auch auf Stadtteilebene. Es ist in jedem Fall die Drohung, sich freistehende B\u00e4ume auszusuchen \u2013 mit B\u00e4umen geht es fast immer los \u2013, von deren Nichtf\u00e4llung der Fortbestand der Natur, der Erhalt \u00bbunserer gef\u00fchlten Identit\u00e4t\u00ab, der sch\u00f6nen Kindheitserinnerung und der Demokratie abh\u00e4ngt. Einmal in der Baumkrone angekommen, bekommt dann die Losung \u00bbWir bleiben oben\u00ab eine l\u00e4ssige Sinnf\u00e4lligkeit, wie sie kein linker Schlachtruf im letzten halben Jahrhundert erreicht hat. In \u00bbStuttgart 21\u00ab ist auch die liebenswerte Marotte der Ossis dialektisch aufgehoben, die bekanntlich vor mehr als zwei Jahrzehnten mit Einbruch des Feierabends am Montag gemeinschaftlich plaudernd und scherzend durch die damals noch volkseigenen St\u00e4dte zogen. Ver\u00e4nderungsverweigerer kann man sie in der R\u00fcckschau zwar nicht nennen \u2013 schlie\u00dflich haben sie die Ver\u00e4nderung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse in ihren St\u00e4dten m\u00f6glich gemacht. Dennoch geh\u00f6rt \u00bbWir sind das Volk\u00ab zu jedem \u00bbStuttgart 21\u00ab dazu, und immer, wenn die rasende Ver\u00e4nderungsverweigerung etwas zu erlahmen droht, beschlie\u00dft ein harter Kern von Ver\u00e4nderungsverweigerern, sie als Montagsdemo zu institutionalisieren: \u00bbMontags immer Nerven s\u00e4gen \u2013 aber nicht die B\u00e4ume\u00ab, steht dann im Kalender.<\/p>\n<p>Und dabei nicht den \u00bbWitz des Volkes\u00ab aus dem Auge verlieren! Das Volk ist n\u00e4mlich jederzeit ziemlich witzig. Manche kommen in lustigen Verkleidungen und haben die Gitarre dabei. Uralte Spontispr\u00fcche fliegen von Mund zu Mund wie Ku\u00dfh\u00e4ndchen des Widerstands. Die Idee, b\u00fcrgerschaftlich auf Kommando in Trillerpfeifen zu blasen, hat einen Charme, der die lokale politische Klasse nackt aussehen l\u00e4\u00dft und wahrscheinlich als Audio-Dokument eines Tages im Bonner Museum f\u00fcr BRD-Geschichte abrufbar sein wird.<\/p>\n<p>Das staatstragende Feuilleton r\u00e4tselt, ob das nun immer so weiter gehen wird. Baumf\u00e4llungen, die lokale B\u00fcrgerkriege ausl\u00f6sen, die Verlegung einer Bushaltestelle, die mit der Besetzung des Warteh\u00e4uschens beantwortet wird (mit Kinderbetreuung)? K\u00f6nnte der F\u00fchrer heute den Bau der Autobahn in Angriff nehmen, ohne an der Ver\u00e4nderungsverweigerung der Stuttgarter Halbh\u00f6he zu scheitern? Werden von Berlin-Sch\u00f6nefeld aus jemals Flugzeuge starten, wenn Kleinmachnower Wessis mit Selbstmord drohen? Ja, nat\u00fcrlich Segelflieger! Oder es gelingt, die Maschinen ausschlie\u00dflich \u00fcber den Ghettos der Unterprivilegierten an- und abfliegen zu lassen. Sonst, bittesch\u00f6n, Baustopp und Heiner Gei\u00dfler!<\/p>\n<\/div>\n<div>Junge Welt, 22. Oktober 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; die Ver\u00e4nderungsverweigerung um sich griffe? Sie hat ihr Gutes, sie stiftet einen seltenen Konjunktiv \u00bb\u2026wenn sie um sich griffe\u00ab. Der ist allerdings gesch\u00f6nt, denn sie greift bereits. 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