{"id":480,"date":"2010-09-27T10:39:23","date_gmt":"2010-09-27T08:39:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=480"},"modified":"2010-09-27T10:42:44","modified_gmt":"2010-09-27T08:42:44","slug":"wir-brandenburg-nicht-hatten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/480","title":{"rendered":"&#8230; wir Brandenburg nicht h\u00e4tten?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026wir Brandenburg nicht h\u00e4tten?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Dann h\u00e4tten wir auch das seltsame Sachsen-Anhalt nicht, dessen St\u00e4dte sich zu fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig bedeutsamen Einheiten zusammenschlie\u00dfen und f\u00fcr sich mit der \u00bbKultur der leeren R\u00e4ume\u00ab um Touristen mit dem leeren Blick werben. Dann h\u00e4tten wir das wegen seines Sandstreifens im Norden gern besuchte Mecklenburg-Vorpommern nicht, mit dem bekannten Schweriner Original Erwin Sellering an der Spitze. Und wir h\u00e4tten den MDR nicht, ohne den der alte DDR-B\u00fcrger nie und nimmer zu einem neuen Menschen gereift w\u00e4re. Th\u00fcringen w\u00e4re zwar noch Th\u00fcringen, besiedelt von hinterh\u00e4ltig-leutseligen Menschen mit dem Th\u00fcringer-Gen, aber nicht das Th\u00fcringen, dem Bernhard Vogel den Hauch der Freiheit \u00fcber die befichteten und betannten Bergr\u00fccken geblasen hat. Und von \u00bbSachsens Glanz\u00ab k\u00f6nnten wir nicht schw\u00e4rmen, sondern m\u00fc\u00dften sagen \u00bbGlanz der Bezirke Chemnitz und Dresden\u00ab. Die Frauenkirche w\u00e4re die Attraktion einer Bezirksstadt, wenn es sie \u00fcberhaupt g\u00e4be.<\/p>\n<p>Die DDR (das den jungen Lesern) hatte keine L\u00e4nder, keinen L\u00e4nderfinanzausgleich, und Bildung war nicht \u00bbL\u00e4ndersache\u00ab, sondern Staatsr\u00e4son. Das ist der Unterschied von f\u00f6deral und diktatorisch. Nicht nur Deutschland wurde in ganzer Sch\u00f6nheit wiederhergestellt, sondern auch die L\u00e4nder. Bis heute wei\u00df niemand im Osten, warum und was das sollte. Als ob man nicht auch mit Bezirken F\u00f6deralismus h\u00e4tte spielen k\u00f6nnen! Zwei Gr\u00fcnde sind zu vermuten: Es sollte alles wieder sein \u00bbwie fr\u00fcher\u00ab, bevor der deutsche Kapitalismus einen Weltkrieg vergeigt hatte. Denn die Kommunisten\/Russen hatten \u2013 das kann heute jeder im Internet lesen \u2013 die alten L\u00e4nder \u00bbzerschlagen\u00ab kurz und klein gehackt. Die westdeutschen Beamten konnten unm\u00f6glich zu Abteilungsleitern beim Rat des Kreises L\u00f6bau degradiert werden. Biedenkopf w\u00e4re nicht Vorsitzender des Rates des Bezirkes Dresden geworden. Und wenn \u2013 dann nur im Parteiauftrag.<\/p>\n<p>So entstanden f\u00fcnf kleine K\u00f6nigreiche, in denen man es bei Hofe, wenn man aus dem Mutterlande herbeieilte \u2013 zu was bringen konnte. Die dort eingeschlafenen Kanzleiseelen erwachten hier und stellten bundesdeutsche Ordnung \u00fcber das vierzig Jahre lang abtr\u00fcnnige Drittel des Vaterlandes her. Die k\u00fcnftigen Landeshauptst\u00e4dte waren verstopft von den rauschend daherschreitenden Herren in den langen M\u00e4nteln.<\/p>\n<p>Zuerst bediente man sich willf\u00e4hriger Bezirksverweser. Sie l\u00f6sten alles auf und kontrollierten die Inventarnummern an den B\u00fcrom\u00f6beln. In Potsdam vollzog das Jochen Wolf, ein Sachse, der in Potsdam die SPD gr\u00fcndete, ihr vorstand und zwischen all den Aufbauterminen zweimal versuchte, seine Gattin (eine sogenannte Altlast) blutig aus dem Wege zu r\u00e4umen.<\/p>\n<p>Dann kamen die Landesregierung und mit ihr die Herren Stolpe, Platzeck, Sch\u00f6nbohm und die F\u00e4higkeit, vermittels subtilen Regierungshandelns in buchst\u00e4blich allen Ressorts Chaos und Unheil anzurichten, wie es sie im Bezirk Potsdam nicht an einem einzigen Tag, den Gott werden lie\u00df, gegeben hatte \u2013 allerdings damals unter der blutigen Diktatur von G\u00fcnther Jahn, um nur den letzten von Moskaus Schergen zu nennen. Sagenhaft war die Verwirrnis im Umweltministerium des Platzeck, ihm mu\u00dften st\u00e4ndig ordnungspolitische Aufpasser neben den Schreibtisch gestellt werden. Er \u00fcberzog das Land mit \u00fcberdimensionierten Kl\u00e4ranlagen. Die Schule funktionierte praktisch gar nicht mehr. Die Gesundheitsversorgung brach zusammen. Ein Gro\u00dfprojekt des kapitalistischen Aufbaus nach dem anderen blieb als Ruine zur\u00fcck. Nur die Karrieren der Ministerialb\u00fcrokraten machten Fortschritte. Daneben nat\u00fcrlich die justizfeste \u00dcbergabe ostdeutschen Grund und Bodens an pl\u00f6tzlich auftauchende westdeutsche Anspruchsberechtigte. Au\u00dferdem konnte man sich auf die Stasi-Beh\u00f6rde und auf die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln verlassen. Dann kam die Flut, und alles h\u00e4tte gut werden k\u00f6nnen\u2026<\/p>\n<p>Heute verlangt das Land Brandenburg vor allem Heimatliebe. Der Liebe zur heimatlichen Furche ist eine Kampagne der Regierung nach der anderen gewidmet. \u00bbDer Brandenburger\u00ab als fleischgewordener Liebender wurde geboren. Es ist der Ministerpr\u00e4sident selbst, der sich beispielhaft in ekstatischer Hingabe an \u00bbdie Mark\u00ab verzehrt. Liebe haben die Bezirke Potsdam, Cottbus und Frankfurt\/Oder eigentlich nie verlangt. Doch ohne Liebe \u2013 was f\u00fcr ein trostloses Leben!<\/p>\n<\/div>\n<div>Junge Welt, 24. September 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026wir Brandenburg nicht h\u00e4tten? Dann h\u00e4tten wir auch das seltsame Sachsen-Anhalt nicht, dessen St\u00e4dte sich zu fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig bedeutsamen Einheiten zusammenschlie\u00dfen und f\u00fcr sich mit der \u00bbKultur der leeren R\u00e4ume\u00ab um Touristen mit dem leeren Blick werben. 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