{"id":458,"date":"2010-09-13T08:21:16","date_gmt":"2010-09-13T06:21:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=458"},"modified":"2010-09-13T08:23:29","modified_gmt":"2010-09-13T06:23:29","slug":"das-meinen-verboten-ware","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/458","title":{"rendered":"&#8230; das Meinen verboten w\u00e4re?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 das Meinen verboten w\u00e4re?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Das Meinen ist eine der \u00e4ltesten Kulturtechniken neben dem Kl\u00f6ppeln, dem Mohnanbau und dem Coitus interruptus. Etwa bis zum Zeitpunkt, da Walther von der Vogelweide lebte, war es unbekannt. Man hielt sich an Tatsachen (\u00bbsch\u00f4ne sanc diu nahtegal\u00ab) oder erz\u00e4hlte von sich (\u00bbIch k\u00f6nnte schon wieder\u00ab oder \u00bbDer drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg dauert f\u00fcr mein Empfinden aber lange.\u00ab) Die Kommunikation war karg, die S\u00e4tze waren knapp.<\/div>\n<p>Mit der Lutherbibel fing die Unart an, eine Meinung zu haben. Luther verbreitete unz\u00e4hlige Meinungen, getarnt als humoristische Spr\u00fcche, und behauptete \u2013 was heute zum Meinen unbedingt dazugeh\u00f6rt \u2013 dem Volke die Meinung abgelauscht (ihm \u00bbaufs Maul geschaut\u00ab) zu haben und eigentlich nur auszusprechen, was dieses auszusprechen nicht in der Lage oder nicht beherzt genug ist. Luther war der erste aus der parasit\u00e4ren Kaste der Meiner und Hendryk M. Broder oder Pastor Schorlemmer werden nicht die letzten sein. Der Buchdruck verlangte pl\u00f6tzlich nach Meinungen, denn allein mit Tatsachen und Abbildungen waren B\u00fccher nicht dick zu kriegen. Meinungsmedien entstanden, von denen der w\u00f6chentliche Freitag offenbar eins der wenigen aus ferner Zeit \u00fcberlieferten ist, das \u00bbMeinungsrauschen\u00ab wurde zum Tinnitus der Gesellschaft. Andererseits ist das Meinen f\u00fcr das Entstehen von Gesellschaften unerl\u00e4\u00dflich. \u00dcber Meinungen \u2013 und sei es zum Wetter, zum Bierpreis oder zu Kachelmann \u2013 entsteht Gemeinschaft, Differenz und Struktur. Und so suchte sich das Meinen leicht konsumierbare Formen &#8211; ohne Talkshows w\u00fcrde die Zivilisation wahrscheinlich auf die Entwicklungsstufe des St\u00e4ndestaates zur\u00fcckfallen. Eines Tages, mitten in der Berliner Republik des Gerhard Schr\u00f6der, reichte es aber nicht mehr, st\u00e4ndig zu meinen. Die Clique, die damals den Staat kujonierte, verlangte, neben dem Alkohol- und Frauenkonsum, nach potenzierter Meinung, um sich am Leben zu f\u00fchlen. Das Meinungsrauschen als Meinungsrausch. So entstand der Diskurs, der nichts anderes ist als ein Wettrennen von Meinungen und Meinungsmachern, von dem stets bekannt ist, wie es ausgeht: Wer die Macht hat, hat das Sagen.<\/p>\n<p>Heute findet man fast kein einfaches Meinen mehr. Meinen ist heute rasch ein Glaubensbekenntnis. \u00d6ffentliches Reden von Politikern f\u00e4ngt h\u00e4ufig mit \u00bbalso, ich glaube, \u2026\u00ab an. Das Glauben und das Meinen wurden unzertrennlich. Das eine befeuert das andere. Wird eine Meinung zum Glaubensbekenntnis, so gilt sie als noch weniger antastbar, sie ist keinesfalls mehr strittig. Denn wer den Glauben angreift, begeht schwerste K\u00f6rper- und Seelenverletzung, vom Verfassungsbruch ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Eine Zeit lang \u2013 etwa 1000 Jahre \u2013 galten Meinungen als gef\u00e4hrlich. Man konnte f\u00fcrs Meinen in den Tod geschickt werden. Keine Meinung, sondern nur \u00bbso ein Gef\u00fchl\u00ab zu haben, erm\u00f6glichte oder erleichterte die pers\u00f6nliche Existenz ungemein. Aber selbst die autorit\u00e4ren Gesellschaften des letzten Jahrhunderts kamen dahinter, da\u00df es wichtiger war, Menschen und Tatsachen zu unterdr\u00fccken als Meinungen. Etwas zu sagen, was man wei\u00df, braucht Mut. Meinen ist wohlfeil, nebbich. Als klar wurde, da\u00df Meinungen desto ungef\u00e4hrlicher werden, je mehr es davon gibt, wurde die Meinungsfreiheit zur buntesten Fahne der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Und weil jeder meinen durfte, was er wollte, brach das goldene Zeitalter an. F\u00fcr die Meinungsfreiheit l\u00e4\u00dft sich wunderbar leicht \u00bbk\u00e4mpfen\u00ab, Gauck darf vom \u00bbMut zur Meinung\u00ab faseln, Sarrazin darf zum Volkshelden werden, denn \u00bber meint ja nur\u00ab, ein d\u00e4nischer Zeichner darf Mohammed als Bombe auf zwei Beinen zeichnen, und Frau Merkel darf sich erinnern, da\u00df sie \u00bbfr\u00fcher\u00ab (wir wissen schon) gar keine Meinung haben durfte. In dieser Woche meint ganz Deutschland \u00fcber Meinungsfreiheit. Aber was oben ist bleibt oben, und von unten kommt nichts mehr.<\/p>\n<p>Wenn das Meinen verboten w\u00fcrde, w\u00e4re es pl\u00f6tzlich still. Das wichtige Wichten und werthaltige Werten und Kommentieren w\u00fcrde aufh\u00f6ren. K\u00fcppersbusch, Friedman, Schwarzer \u2013 alles Versorgungsf\u00e4lle (ich nat\u00fcrlich auch). Es entst\u00fcnde ein Bedarf Tatsachen: Was sind das f\u00fcr Leute, die uns regieren? Und in wessen Interesse? Und wer wurde wegen Meinens hingerichtet?<\/p>\n<div>Junge Welt, 10. September 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 das Meinen verboten w\u00e4re? Das Meinen ist eine der \u00e4ltesten Kulturtechniken neben dem Kl\u00f6ppeln, dem Mohnanbau und dem Coitus interruptus. Etwa bis zum Zeitpunkt, da Walther von der Vogelweide lebte, war es unbekannt. 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