{"id":432,"date":"2010-08-09T12:48:22","date_gmt":"2010-08-09T10:48:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=432"},"modified":"2010-08-09T12:49:22","modified_gmt":"2010-08-09T10:49:22","slug":"432","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/432","title":{"rendered":"&#8230; nicht mehr sitzengeblieben w\u00fcrde?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>&#8230; nicht mehr sitzengeblieben w\u00fcrde?<\/strong><\/span><\/p>\n<div>Gemessen an der Zahl der Sitzenbleiber, ist Deutschland das d\u00fcmmste Land der Welt. Und das soll auch so bleiben: Das Sitzenbleiben lehrt das junge, von Porno-, Drogen- und Alkoholkonsum dekonstruierte Indidviduum, da\u00df es im Leben nicht nur aufw\u00e4rts (z.B. mit dem Lebensalter und der Zahl der Freunde auf Facebook) geht, sondern manchmal auch runter. Manchmal sogar \u00fcberwiegend.<\/p>\n<p>Aber ist die Wiederholung der 8. Klasse \u00fcberhaupt ein Abstieg? Kann eine Wiederholung ein Abstieg sein? Nein, sie ist ein lediglich retardierendes Moment auf dem Weg in die Erwerbsbiographie. Und da diese selbst f\u00fcr den Akademiker wahrscheinlich sowieso nicht beginnen wird (oder vielleicht erst mit 50 als \u00bbWieder\u00ab-Eingliederung \u00fcber einen Ein-Euro-Job), ist das Sitzenbleiben nicht nur nur retardierend, sondern egal. Daraus begr\u00fcndet sich der Ausruf meiner Nachbarin bez\u00fcglich ihres Sohnes: \u00bbDer Kerl bleibt h\u00e4ngen, und es ist ihm schei\u00dfegal!\u00ab<\/p>\n<p>Als es noch um Leistung ging, weil Zukunft eine Zukunft hatte und nicht nur \u00bbZukunftsbew\u00e4ltigung\u00ab (A. Merkel) war, als es noch nicht albern war, Atomphysiker, Altertumsforscher, Facharbeiter oder Staatsratsvorsitzender werden zu wollen, als wir noch sangen \u00bbF\u00fcr das Leben lernen wir, \/rei\u00df dir den Arsch auf, Pionier!\u00ab, st\u00fcrzte der Sitzenbleiber sich und die Sippe in ungleich schwerere Krisen als heute. Entfernte Tanten wurden \u00fcber das Lebensalter des Schulversagers get\u00e4uscht (\u00bbWas, Lutze ist erst zehn \u2013 ich dachte er ist elf!\u00ab) oder es wurden Legenden erfunden: Lutz will die Klasse noch mal machen, weil er so sehr an seinem Mathelehrer h\u00e4ngt. Oder: Der Direktor hat vergessen, ihn zu versetzen, aber man kann nichts mehr machen. Die Sommerferien waren f\u00fcr den Sitzenbleiber die schlimmsten Wochen seines jungen Lebens. Denn die liebenden Eltern nutzten sie, um \u00bbendlich mal andere Saiten\u00ab aufzuziehen: Zimmer- und Hosenkontrollen, Sommerbadverbot, t\u00e4gliches Vokabelpensum, spontane Hausarreste und s\u00fcffisante Anspielungen: \u00bbWas, Taschengeld m\u00f6chte der Herr? Na ja, vielleicht wenn du eines Tages die neunte Klasse schaffen solltest\u2026\u00ab<\/p>\n<p>Wenn die Sitzenbleiber in ihre neue Klasse mit der alten Nummer kamen, war das f\u00fcr uns damals stets ein lustiger Moment. Sie litten unter Riesenwuchs, die M\u00e4dchen hatten schon Br\u00fcste, und wir kleinen Jungs sprangen sie wie Terrier an und verbissen uns in sie. Sie setzten sich schuldbewu\u00dft in die letzte Reihe, um uns nicht die Sicht zu nehmen, und wenn sich einer von ihnen mal meldete, sagte die Lehrerin.\u00bbNa ja, f\u00fcr dich ist das ja Wiederholung.\u00ab<\/p>\n<p>Heute sch\u00e4men sich zahlreiche deutsche Kultusregierungen f\u00fcr das Sitzenbleiben und halten es f\u00fcr ein Relikt der Schwarzen P\u00e4dagogik. Sie meinen, jedes Kind m\u00fcsse gef\u00f6rdert werden. Das ist nat\u00fcrlich Unsinn, wenn nicht sogar Sozialismus. Nichts pr\u00e4gt so nachhaltig die Pers\u00f6nlichkeit, wie die \u00bbEhrenrunde\u00ab. Sie ist die beste F\u00f6rderung \u2013 die Kreatur lernt Demut und Spott zu ertragen und genie\u00dft alle Vorz\u00fcge des l\u00e4ngeren gemeinsamen Lernens, wie es eine eher linke Bildungspolitik anstrebt. Ohne Sitzenbleiben w\u00e4re weder aus Einstein noch aus Hitler oder Stoiber was geworden. Das Sitzenbleiben verk\u00fcrzt die unendlich lange Wartezeit auf die Rente wenigstens um ein erf\u00fclltes Lebensjahr. W\u00fcrde nicht mehr sitzengeblieben, w\u00fcrden noch mehr Jugendliche in ihren Kinderzimmern vor den Spielekonsolen hocken \u2013 denn auch als Zivis und Rekruten werden sie nicht mehr gebraucht, w\u00fcrden ins Z\u00f6libat oder in die Dritte Welt fl\u00fcchten, wo sie Schwarzen gebildete Wei\u00dfe vorspielen oder sich dem Rausch ergeben.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fc\u00dfte also das Sitzenbleiben gef\u00f6rdert werden. Beispielsweise mit Gutscheinen f\u00fcr kostenlose Schulspeisung oder mit Privilegien, die dem Sitzenbleiber helfen, seinen sozialen Status zu heben: die Einrichtung eines speziellen Speiseraums, \u00e4hnlich einer Offizierskantine, in dem sich der Sitzenbleiber an Alkohol bedienen und rauchen kann. Oder das Privileg, bei Unterrichtseinheiten, die ihm bekannt vorkommen, die Musikst\u00f6psel in die Ohren stecken zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<\/div>\n<div>Junge Welt, 06. August 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; nicht mehr sitzengeblieben w\u00fcrde? Gemessen an der Zahl der Sitzenbleiber, ist Deutschland das d\u00fcmmste Land der Welt. 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