{"id":396,"date":"2010-06-28T09:17:59","date_gmt":"2010-06-28T07:17:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=396"},"modified":"2010-06-28T09:17:59","modified_gmt":"2010-06-28T07:17:59","slug":"ich-als-tater-geladen-wurde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/396","title":{"rendered":"&#8230; ich als T\u00e4ter geladen w\u00fcrde?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 ich als T\u00e4ter geladen w\u00fcrde?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Als T\u00e4ter w\u00fcrde ich schon wollen. Als Opfer \u2013 das verb\u00e4te ich mir. \u00bbOpfer!\u00ab sagen die akzelerierten Monster auf dem Schulhof zueinander, wenn alle Verbalinjurien, in denen \u00bbFicken\u00ab vorkommt, ausgereizt sind. Ich bin gern T\u00e4ter. Ich rede im Pr\u00e4sens, denn auf eine Entpflichtung durch den Geheimdienst warte ich noch (ein Kassiberchen, unter der Haust\u00fcr durchgeschoben, w\u00fcrde reichen: \u00bb&#8230;Ihr informelles Dienstverh\u00e4ltnis endet mit Wirkung vom 1.8.2010, mit sozialistischem Gru\u00df vom Genossen Minister\u00ab). Ich bin so sehr T\u00e4ter, da\u00df Spiegel und Bild mich vor vielen Jahren, weit im vorigen Jahrhundert, mit dem Satz zitieren durften: \u00bbGoethe war ein Schwein, Brecht war ein Schwein, und ich bin auch ein Schwein.\u00ab Wenn also jetzt in Brandenburg, wo ich lebe, zu T\u00e4ter-Opfer-Gespr\u00e4chen (oder \u00bbOpfer-T\u00e4ter-Gespr\u00e4chen\u00ab, was dem Leid der Opfer besser gerecht werden w\u00fcrde) eingeladen wird, h\u00e4tte ich gern, da\u00df man mich nicht \u00fcbersieht.<\/div>\n<p>Das Ziel der noblen Veranstaltung\u2013 darauf haben sich mein knuddeliger Ministerpr\u00e4sident und sein alberner Bischof namens Dr\u00f6ge vorige Woche \u00bbverst\u00e4ndigt\u00ab \u2013 soll sein, \u00bbdie unterschiedlichen Biographien miteinander ins Gespr\u00e4ch zu bringen\u00ab. Da w\u00fcrde ich doch gern pers\u00f6nlich anwesend sein, wenn meine Biographie zu quatschen anhebt, vielleicht verplaudert sie sich ja, nennt Namen von Frauen, die mir l\u00e4ngst entfallen waren oder redet \u00fcber meine H\u00e4morrhoiden. Die Herren befanden, f\u00fcr das Biographienpalaver sei es h\u00f6chste Zeit, weil sonst \u00bbder Zusammenhalt in der Gesellschaft gef\u00e4hrdet\u00ab sei. Von den naturbelassenen Klassengegens\u00e4tzen abgesehen, sollen die Brandenburger lieb zueinander sein, im Anglerverein oder noch besser in der SPD eine traute Gemeinschaft pflegen. Das Ganze soll aber \u00bbkeinen Schlu\u00dfstrichcharakter haben\u00ab. Das trifft sich gut\u2013 einen Schlu\u00dfstrichcharakter habe ich n\u00e4mlich auch nicht. Bei strittigen Fragen \u2013 z.B. bei Problemen mit der M\u00fcllabfuhr oder den gelben S\u00e4cken \u2013 soll es hei\u00dfen \u00bbsag du jetzt mal deine Meinung aus der T\u00e4terperspektive, dann spreche ich als Opfer\u00ab. Bei gemeinsamer Teilnahme an SPD-Dorffesten soll es einen Bastelstand von T\u00e4tern (\u00bbMalen mit Fingerfarben und T\u00e4tern\u00ab) und eine H\u00fcpfburg von den Opfern (\u00bbDie Opferburg\u00ab) geben. Nur die Kinder d\u00fcrfen einen Schlu\u00dfstrichcharakter haben und gehen, zu wem sie wollen. Aber die T\u00e4ter sollen dann zu den Dorfkindern sagen: \u00bbIhr wi\u00dft schon, an welchem Stand ihr hier seid \u2013 wir sind die T\u00e4ter\u00ab.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt, wie das l\u00e4uft. Man wird ins Kirchenb\u00fcro geladen. Steht in der Einladung \u00bbauf Grund Ihres verbrecherischen Mitwirkens an der zweiten faschistischen Diktatur in Deutschland haben Sie um 8 Uhr im Gemeindehaus vorzusprechen. Personalausweis, Wechselw\u00e4sche und Zahnb\u00fcrste sind mitzubringen\u00ab? Oder steht da \u00bbnach einem kleinen Programm der Kleinen vom \u203aSpatzennest\u2039 wollen wir bei Kaffee und Kuchen gesellig zusammen sein und Sie bitten, Anekdoten aus Ihrer Kundschaftert\u00e4tigkeit zu erz\u00e4hlen. Anschlie\u00dfend wollen wir zu Akkordeonmelodien von \u203aHarmonika-Rudi\u2039 das Tanzbein schwingen\u00ab?<\/p>\n<p>Der hiesige Pfarrer ist ein schmieriger Typ, ein Revolution\u00e4r der ersten Stunde, der sich besonders der Kinder annimmt. Er sondert w\u00f6chentlich unglaublichen christlichen Schwachsinn im Anzeigenbl\u00e4ttchen Heimatlicher Sonntag ab. Als T\u00e4ter darf ich das nat\u00fcrlich nicht sagen, nicht einmal denken, um nicht mein Herrschaftswissen \u00fcber diesen bigotten Schwachkopf zu aktivieren. Die Moderation des Popen soll \u00bbein Klima schaffen, wo auch die T\u00e4ter den Mut finden zu reden\u00ab (Platzeck). An Folter ist also nicht gedacht, obwohl allein die Anwesenheit der Protokollantin, der Sekret\u00e4rin des B\u00fcrgermeisters, die fr\u00fcher in der SED-Kreisleitung die Winkelemente ausgab, als solche zu werten ist. Wird man mir einen Stuhl anbieten? Und von dem dann, wenn ich wieder raus bin, eine Geruchsprobe ziehen, wie wir T\u00e4ter das immer gemacht haben? Oder l\u00e4uft heimlich eine Kamera f\u00fcr Spiegel-TV und die Sendung \u00bbDas Tribunal \u2013 ein T\u00e4ter windet sich\u00ab?<\/p>\n<p>Gespannt bin ich, wen sie als Opfer anschleppen. Wir haben zwar einige Insolvenzopfer. Aber es d\u00fcrfte schwer werden, die der Stasi anzuh\u00e4ngen. Und dann haben wir noch die hysterische Dagmar Pomerenke. Die wurde als Kind in die Pionierrepublik \u00bbWilhelm Pieck\u00ab verschleppt und ist seitdem nach eigenen Worten \u00bbunf\u00e4hig zu einer l\u00e4ngerfristigen, tiefergehenden Bindung\u00ab. Dem werde ich mich wohl stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<div>Junge Welt, 25. Juni 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 ich als T\u00e4ter geladen w\u00fcrde? Als T\u00e4ter w\u00fcrde ich schon wollen. Als Opfer \u2013 das verb\u00e4te ich mir. \u00bbOpfer!\u00ab sagen die akzelerierten Monster auf dem Schulhof zueinander, wenn alle Verbalinjurien, in denen \u00bbFicken\u00ab vorkommt, ausgereizt sind. 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