{"id":349,"date":"2010-05-15T09:48:32","date_gmt":"2010-05-15T07:48:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=349"},"modified":"2010-05-15T09:48:32","modified_gmt":"2010-05-15T07:48:32","slug":"der-kapitalismus-am-ende-ware","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/349","title":{"rendered":"&#8230; der Kapitalismus am Ende w\u00e4re?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">&#8230; der Kapitalismus am Ende w\u00e4re?<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Er ist es nat\u00fcrlich nicht! Was wir jetzt erleben, sagen seine Freunde in der Linkspartei mit vor Begeisterung ger\u00f6teten B\u00e4ckchen, ist ja gerade seine ungeheure, grenzenlose, immerw\u00e4hrende Lernf\u00e4higkeit, seine H\u00e4utungstechnik, sein Talent, sich \u00bbimmer wieder neu zu erfinden\u00ab, seine Leidenschaft f\u00fcr Selbstkritik, bis Blut kommt, und seine Offenheit (was sich \u00bbauf den M\u00e4rkten\u00ab abspielt, versteht zwar keiner, aber zuschauen kann man vierundzwanzig Stunden lang live und in Farbe). Und seine wunderbare Brutalit\u00e4t: Er \u00fcberl\u00e4\u00dft nicht nur t\u00e4glich Tausende \u00fcberfl\u00fcssige Gestalten den Aasfliegen und W\u00fcrmern, er vernichtet auch uralte Nationalstaaten mit einem Fingerschnipsen und ohne Blutvergie\u00dfen. Island? Spanien? Brauch\u2019 ich nicht mehr, sollten aber weiter ihre Folklore pflegen. Und noch vor dem Morgenschi\u00df (geht der Kapitalismus schei\u00dfen?) l\u00f6scht er mit einer l\u00e4cherlichen Transaktion, von Computern wom\u00f6glich automatisch ausgef\u00fchrt, ganze Staatenb\u00fcnde aus! Und wir, sagen seine Fans in der Linkspartei und greifen ergriffen einander bei den feuchten H\u00e4ndchen, wir d\u00fcrfen dabeisein! Denn wir haben uns f\u00fcr ihn noch nicht \u00fcberfl\u00fcssig gemacht. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Im Moment sieht es zwar so aus, als fr\u00e4\u00dfe der Kapitalismus sich selbst, einschlie\u00dflich seiner Kinder. Hier indes, rufen seine Freunde in der Linken, und ihr Blick ist seltsam entr\u00fcckt, hier ist die Dialektik von Wesen und Erscheinung \u00bbam Wirken\u00ab. Die haben wir traditionell intus, Hegelianer, die wir \u00bbeigentlich\u00ab sind. Deshalb haben wir und unsere Rosa-Luxemburg-Stiftung auch viel mehr Freude, ja regelrecht einen saftigen Genu\u00df daran, dem Kapitalismus bei der Arbeit zuzugucken, als die anderen, die, blind f\u00fcr die Purzelb\u00e4ume der Weltgeschichte, nur vor den Bildschirmen hocken und die Indizes der M\u00e4rkte entziffern. Ja, sagen die linken Cheerleader des Kapitalismus, so mancher ist jetzt geneigt, dem Kapitalismus Insuffizienz zu unterstellen. Aber Wunschdenken ist gar kein Denken. Da hei\u00dft es beispielsweise, der Kapitalismus habe aus der Bankenkrise offensichtlich nichts gelernt und mache einfach so weiter. Ha! Und noch mal ha! Aus der Bankenkrise hat er gelernt, da\u00df die Staaten, die mit ihren altv\u00e4terlichen Etats, mit ihrem komischen Parlamentarismus und ihren wuselnden Kanzlerinnen die Banken gerettet haben, gar nicht gebraucht werden. Der Kapitalismus, hat er gelernt, braucht keine quasi Volksabstimmungen, um an Geld zu kommen. Auch wenn Br\u00fcssel \u00bbden M\u00e4rkten\u00ab anbot, die Haushalte der EU-Staaten nun gleich selbst aufzustellen und die Abgeordneten der nationalen Parlamente solange mit was anderem (z.B. mit ethischen Fragen) zu besch\u00e4ftigen \u2013 das ist doch nur der Versuch, eine Galgenfrist herauszuschinden!<\/p>\n<p>Wenn der Kapitalismus pl\u00f6tzlich am Ende w\u00e4re, br\u00e4che Ratlosigkeit in der Kantine des Karl-Liebknecht-Hauses aus. Einige, die zu rasch sind und keine Hegelianer, w\u00fcrden vorschlagen, den Programmentwurf zu Rate zu ziehen, der vage die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, in Sozialismus zu machen. Na gut, aber wie f\u00e4ngt man das an? Arbeiterm\u00e4del- und -buben auf die Arbeiter-und-Bauern-Fakult\u00e4t? Schluckimpfung und Schwangerenberatung f\u00fcr alle? Nationalstaat mit Grenzregime (ohne die alten Fehler, Genossen!)? Erst mal nur im Sendebereich des MDR \u2013 oder gleich f\u00fcr Griechenland mit?<\/p>\n<p>Nein, Genossen, zun\u00e4chst m\u00fcssen wir die offiziellen Trauerfeierlichkeiten f\u00fcr den Kapitalismus (eine Kommission unter Leitung von W. Thierse wurde eingesetzt) abwarten. Denn es war nicht alles schlecht. Man ist fast zwei Jahrhunderte und vor allem in den letzten zwanzig Jahren sehr gut mit ihm gefahren. Er hat zahlreiche P\u00f6stchen abgeworfen. Vizepr\u00e4sidentin des Bundestages \u2013 wo gibt es so was jemals wieder! Au\u00dferdem hat er das Internet erfunden, in dem Die Linke eine feine Homepage hat. Man ist ihm was schuldig, dem Kapitalismus: Die Linke bittet Thierse, \u00bbUnsterbliche Opfer\u00ab ins musikalische Begleitprogramm zu nehmen.<\/p>\n<p>Dann finden Regionalkonferenzen statt, die das Verbot von Heuschreckenfonds diskutieren und eine schonungslose Aufarbeitung der j\u00fcngsten Geschichte fordern. Au\u00dferdem soll die Formulierung \u00bbabgestorbener, abgefaulter Kapitalismus\u00ab wieder in die Parteischriften aufgenommen werden. Gregor Gysi erkl\u00e4rt in einer lustigen Rede, eigentlich, wie ja alle w\u00fc\u00dften, gar nicht dabeigewesen zu sein.<\/p>\n<p>Und dann? Dann m\u00fcssen wir mal weitersehen.<\/p>\n<p>Junge Welt, 14. Mai 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; der Kapitalismus am Ende w\u00e4re? Er ist es nat\u00fcrlich nicht! 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