{"id":335,"date":"2010-04-19T10:02:32","date_gmt":"2010-04-19T08:02:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=335"},"modified":"2010-04-19T10:02:32","modified_gmt":"2010-04-19T08:02:32","slug":"die-ostdeutschen-als-ethnie-anerkannt-wurden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/335","title":{"rendered":"&#8230; die Ostdeutschen als Ethnie anerkannt w\u00fcrden?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>\u2026 die Ostdeutschen als Ethnie anerkannt w\u00fcrden?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p>Diese Frage vor zehn Jahren gestellt \u2013 das w\u00e4re ein politisches Z\u00fcndmittel gewesen. Damals wurde die ostdeutsche Herkunft generell verd\u00e4chtigt, es sei denn, eine Ostlerin hatte gerade den CDU-Vorsitz \u00fcbernommen. Ostler waren Menschen, die sich mit jedem gestammelten Wort und Atemzug in die DDR zur\u00fcckw\u00fcnschten, ihre Vita vor den Staatsorganen verschleierten, revanchistische Strukturen der Nachbarschaftshilfe aufrechterhielten, schlecht rochen und schlecht a\u00dfen, naturnahen Sex pflegten und wahrscheinlich Waffen der Kampfgruppen der Arbeiterklasse unterm Bett in \u00d6lpapier verwahrten. Alle Auff\u00e4lligkeiten der Ostdeutschen und ihre Unwilligkeit, sich mit den Mutterl\u00e4ndern zu vereinigen, wurden in Fest\u00adansprachen angestrengt weggeredet. Und zwar mit dem Hilfsargument, die Unterschiede zwischen S\u00fcddeutschen und Norddeutschen seien gravierender als die zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen. Es durfte nicht ins Gewicht fallen, da\u00df die einen mehrheitlich als Ware Arbeitskraft f\u00fcr die Marktwirtschaft sozialisiert worden waren, w\u00e4hrend die anderen die Sonne des Sozialismus gesehen hatten. Die Wiedervereinigung durfte nicht gescheitert sein (war sie auch nicht, sie hatte viele reiche Westdeutsche reicher gemacht).<\/p>\n<p>Heute ist klar, da\u00df die Ossis in etwa drei\u00dfig Jahren ausgerottet sein werden, weggestorben in relativem, relativ anstrengungslosem Wohlstand. Sie werden die Kadaver ihrer Haustiere und tote D\u00f6rfer und St\u00e4dte hinterlassen, die Spuren westdeutschen Kulturbringertums zeigen. Den Ostdeutschen jetzt rasch noch eine eigene Ethnie zu bescheinigen, ist ein Witz, ein zynischer, aber ein Witz. Auf den st\u00fcrzt sich die Presse dieser Tage: Die Hallorenkugeln und der MDR (angeblich eine Rundfunkanstalt), das \u00bbdrei Viertel drei\u00ab und Achim Menzel, der FKK-Kult und die beigen Windjacken der Rentner, \u00bbMosaik\u00ab, Dagmar Frederic und Gregor Gysi, die SuperIllu und Erwin Strittmatter, die schlechten Z\u00e4hne und der Mecklenburger Klare, der Dederoneinkaufsbeutel und Wolfgang Stumph \u2013 das alles soll jetzt \u00bbgesch\u00fctzt\u00ab werden? Wie lustig f\u00fcr das Feuilleton! Ossis, die was im gro\u00dfen Deutschland darstellen wollen, kriegen im Radio Gelegenheit, mit witzelnder Abscheu \u00fcber den Gedanken zu sprechen, sie k\u00f6nnten einer Ethnie angeh\u00f6ren. Die \u00bbostdeutsche Schriftstellerin\u00ab Katja Lange-M\u00fcller qu\u00e4lt sich f\u00fcnf Minuten lang im Deutschlandfunk mit der Aufgabe, eine richtige Deutsche zu sein.<\/p>\n<p>Der Ethniestatus k\u00f6nnte sich jedoch f\u00fcr Ostler noch als n\u00fctzlich erweisen. Je \u00e4lter, kr\u00e4nker, weniger, anspruchsvoller, depressiver sie werden, desto teurer werden sie. Unwerte Deutsche, sozusagen. Da w\u00e4re es sch\u00f6n f\u00fcr sie, wenn sie in der K\u00f6lner U-Bahn (falls die je verkehrt) wegen ihrer welken Hautfarbe nicht geschlagen, im Fernsehen wegen ihres Alkoholismus nicht l\u00e4cherlich gemacht und bei einer Bewerbung vom Ausbeuter nicht abgelehnt werden d\u00fcrften. Deshalb kam die Ethnieproblematik vor ein Arbeitsgericht: Wenn der Ossi unter den Artenschutz fiele, w\u00fcrde er klagen k\u00f6nnen, wenn man ihn wie Dreck behandelt. Vorher nicht.<\/p>\n<p>\u00bbEigentlich\u00ab m\u00fcssen Ethnien gar nicht \u00bbanerkannt\u00ab werden. Sie existieren einfach. Sie existieren, wie die Ethnologen sagen, \u00bbdurch Selbst- und Fremdzuweisung\u00ab, also durch Abgrenzung und Ausgrenzung. In \u00d6sterreich-Ungarn war es ein knappes Dutzend (\u00fcber die Z\u00e4hlweise sind die Ethnologen uneins). Erst wenn die Abgrenzung einer Gruppe zur Ausrottung tendiert, mu\u00df sie um die Einweisung in Reservate nachsuchen und sich ein Brauchtum zurechtlegen, das Schaulustige bewegt, ein bi\u00dfchen Geld dazulassen.<\/p>\n<p>Ethnien definieren sich aus einer gemeinsamen Vergangenheit oder einer gemeinsamen Perspektive. Das Letztere entf\u00e4llt f\u00fcr die moribunden Ossis. Sie sind eine Ethnie in Verwesung. Warum die b\u00fcrgerlichen Meinungstr\u00e4ger den Gedanken, die Ostdeutschen k\u00f6nnten sich als Ethnie verstehen, l\u00e4cherlich finden? Doch nicht, weil \u2013 mit Bezug auf das Gleichbehandlungsgesetz \u2013 ein paar Klagen wegen Diskriminierung zu erwarten w\u00e4ren!<\/p>\n<p>Die Anerkennung der Ostdeutschen als Ethnie \u2013 das w\u00e4re das Zugest\u00e4ndnis der politischen Klasse, da\u00df sich die Ostdeutschen positiv (wenn auch h\u00f6chst unterschiedlich) auf ihre \u00bbHerkunftssagen, Geschichte, die Verbindung zu einem spezifischen Territorium und ein Gef\u00fchl der Solidarit\u00e4t miteinander\u00ab beziehen. Dann k\u00f6nnte man die Wiedervereinigung, die bekanntlich noch 20 Jahre dauern soll, an dieser Stelle getrost abblasen.<\/p>\n<p>Junge Welt, 16. April 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 die Ostdeutschen als Ethnie anerkannt w\u00fcrden? Diese Frage vor zehn Jahren gestellt \u2013 das w\u00e4re ein politisches Z\u00fcndmittel gewesen. 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