{"id":306,"date":"2010-02-22T09:10:43","date_gmt":"2010-02-22T07:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=306"},"modified":"2010-02-22T09:10:54","modified_gmt":"2010-02-22T07:10:54","slug":"die-stahltrager-fehlten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/306","title":{"rendered":"&#8230; die Stahltr\u00e4ger fehlten?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">&#8230; die Stahltr\u00e4ger fehlten?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Und dieser substanzielle Mangel unentdeckt bliebe? Dann fiele der K\u00f6lner U-Bahn wahrscheinlich irgendwas ein. Wir aber, mit unstillbarem Drang nach Verallgemeinerung begabt, w\u00fc\u00dften fortan gesichert, da\u00df Baulichkeiten, bei denen die Stahltr\u00e4ger fehlen oder der Beton gestreckt wurde, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nachgeben, der Gravita\u00adtion, der Schneelast oder einem l\u00e4cherlich kleinen Wind.<\/div>\n<p>Heute morgen um 8.26 Uhr erklang die Nationalhymne der DDR in der Fassung des Erich-Weinert-Ensembles der NVA. Ich hatte sie im Autoradio, f\u00fcr h\u00f6chstens zehn Sekunden, als ich das Ger\u00e4t nach einem ertr\u00e4glichem Programm absuchte. Vielleicht Studenten im Uniradio, die rumgealbert haben. Oder der Polizeifunk, die machen auch solche Sp\u00e4\u00dfe. Oder vielleicht doch Radio Eins (ein durchweg j\u00e4mmerliches Angebot von grauenhafter Launigkeit) auf RBB? Dann w\u00e4re es Sabotage gewesen (oder die Diversion eines Diversanten, wie man fr\u00fcher sagte). Dann alle Achtung.<\/p>\n<p>Sabotage ist nicht, wenn was zusammenf\u00e4llt oder ein Morgenprogramm formatinad\u00e4quate \u00e4sthetische Angebote macht. Da\u00df die U-Bahnbauer (und zwar nicht die angeheuerten Arbeiter, sondern die Ingenieure, Leiter, Gutachter, wom\u00f6glich Beamte) zwei Drittel der zum Verbau vorgesehenen Stahltr\u00e4ger beim Schrotth\u00e4ndler verscheuerten, war aus ihrer Sicht eine gute Idee. Sabotage war es nicht. Zur Sabotage wird eine nur kriminelle Tat erst, wenn man sich etwas dabei denkt. Kriminell sein kann jeder \u2013 Saboteur nur einer, der sich was dabei denkt.<\/p>\n<p>Er mu\u00df denken k\u00f6nnen, aber intelligent sein mu\u00df er nicht. Das ist ja das Sch\u00f6ne \u2013 es gibt keine Einstiegsh\u00fcrde, jedermann\/frau steht die Welt der Sabotage frei und offen. Die Tat mu\u00df gedanklich der Staatsmacht oder dem Gesellschaftssystem gewidmet sein und nat\u00fcrlich betr\u00e4chtlichen mate\u00adriellen Schaden anrichten \u2013 oder eben einen kaum me\u00dfbaren Schaden, dabei aber einen hohen Aufmerksamkeitswert (widerst\u00e4ndische Schadenfreude) erreichen, wie die zehnsek\u00fcndige Zonenhymne im Westsender f\u00fcr die Brandenburger. Sabotage ist also eine Motivtat. Das Motiv belegt, da\u00df hier nicht etwa \u00bbein Fehler unterlaufen\u00ab ist.<\/p>\n<p>Gute Sabotagef\u00e4lle sind selten geworden, weil die Repressionsfunktionen der Gesellschaft verschleiert sind und die \u00bbSchuld\u00ab f\u00fcr Ungl\u00fcck auf die Individuen verteilt ist. Nur dort, wo das System die Menschen unmittelbar dr\u00fcckt, kommt es zu Sabotage. Argen werden demoliert oder auch nur die Blattpflanzen umgestellt, Pfandleiher werden ge- bis erschlagen, Schulen brennen ab oder Feuerl\u00f6scher werden in den Korridor entleert, in Pflegeheimen machen Alte mit diebischer Freude unter sich (auf das Motiv kommt es an!).<\/p>\n<p>Aber die Erinnerung an eine differenzierte, bl\u00fchende Sabotagekultur ist lebendig. W\u00e4hrend aller zw\u00f6lf Jahre des \u00bbDritten Reiches\u00ab band Sabotage betr\u00e4chtliche Kr\u00e4fte der Staatsmacht. Sabotage war eine der wenigen \u00c4u\u00dferungsformen widerst\u00e4ndischer Leute. Flugzeuge starteten nicht, Granaten explodierten nicht, Waffen und andere G\u00fcter kamen nicht an der Front an. Die Sabotage von R\u00fcstung ist der Idealtypus der Sabotage: als Folge der Tat kommen keine Menschen zu Schaden\u2013 im Gegenteil; der materielle Schaden ist betr\u00e4chtlich; der Tat ist ihr politisches Motiv direkt ablesbar; wenn der Saboteuer nicht ertappt wird, ist es fast unm\u00f6glich, die Tat von einem Fertigungsfehler zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Es spricht nichts dagegen, das Ende des Krieges auch heute auf diese Weise mitzubestimmen. Dem entgegen steht in Deutschland allerdings ein dummer, nur hier anzutreffender Facharbeiterethos: Der Deutsche will auch das Mordinstrument in pr\u00e4ziser Sch\u00f6nheit herstellen. Au\u00dferdem mu\u00df man im Sabotagefall damit rechnen, wie ein sch\u00e4biger Krimineller behandelt zu werden \u2013 warme politische Gedanken nimmt das Strafrecht gar nicht zur Kenntnis. Mit dem Ausruf vor Gericht: \u00bbEs ist mein Menschenrecht, den Krieg zu beenden\u00ab wird man nicht weit kommen.<\/p>\n<p>Neulich sprang am Alexanderplatz wieder einer vor die Bahn. F\u00fcnfhundert Leute standen auf dem Bahnhof und schwiegen b\u00f6se oder lachten oder erz\u00e4hlten, was sie heute abend kochen w\u00fcrden. Einer ging umher und raunte: \u00bbSabotage! Seht nur, wie empfindlich er das System an seiner schwachen Stelle trifft!\u00ab Empfindlich traf er nur uns, denen die F\u00fc\u00dfe gefroren. Und das System Bahn bricht an seiner schwachen Stelle auch ohne Sabotage jeden Tag zusammen. Falls der Mann, der gesprungen war, nicht nur ein armer, verzweifelter Kerl war, sondern \u00bbein Zeichen setzen\u00ab wollte, hat er es diesmal besonders schlecht angestellt. Der Aufstand der Arbeiter, Soldaten und Webdesigner ist jedenfalls ausgeblieben.<\/p>\n<div>Junge Welt, 19. Februar 2010<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; die Stahltr\u00e4ger fehlten? Und dieser substanzielle Mangel unentdeckt bliebe? Dann fiele der K\u00f6lner U-Bahn wahrscheinlich irgendwas ein. 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