{"id":273,"date":"2009-12-22T18:24:50","date_gmt":"2009-12-22T16:24:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=273"},"modified":"2009-12-24T22:36:00","modified_gmt":"2009-12-24T20:36:00","slug":"%e2%80%a6-unsere-soldaten-im-mohnfeld-das-vertrauen-in-die-regierung-verloren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/273","title":{"rendered":"\u2026 unsere Soldaten im Mohnfeld das Vertrauen in die Regierung verl\u00f6ren?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 unsere Soldaten im Mohnfeld das Vertrauen in die Regierung verl\u00f6ren? <\/span><\/strong><\/p>\n<p>Da\u00df sie genau das zu tun erw\u00e4gen, hat ihr oberster Vertrauensmann, der Wehrbeauftragte Robbe, gestern drohend angek\u00fcndigt. Die Soldaten im Felde, so Robbe, k\u00f6nnten von gleich auf jetzt ihr Vertrauen in die politische F\u00fchrung verlieren, so wie andere Leute einen Knopf oder ihre Jungfr\u00e4ulichkeit. Es g\u00e4be untr\u00fcgliche Anzeichen daf\u00fcr, da\u00df das Vertrauen der k\u00e4mpfenden Truppe bereits au\u00dferordentlich locker s\u00e4\u00dfe und schon ziemlich fragil aus der Manteltasche heraush\u00e4nge. Abends s\u00e4\u00dfen die Infanteristen oft beim Feuer, tr\u00e4nken manches Bier und sinnierten dar\u00fcber, wem in der Regierung sie \u00fcberhaupt noch vertrauen k\u00f6nnten. Und ob es noch sinnvoll sei, am n\u00e4chsten Morgen aus dem Bett zu kriechen und zur Arbeit in den Hindukuschbusch zu trotten.<\/p>\n<p>Ja, ihrem Jung Siegfried, dem zu Guttenberg, h\u00e4tten sie liebend gern vertraut, schneidig wie der war. War! Seit Mittwoch sieht es doch so aus, als schwitze er unangemessen in seinem absolut angemessenen Anzug. An- und Unangemessenheit scheinen die beiden Pole zu sein, zwischen denen es den deutschen Hochadel hin- und herrei\u00dft. Bei Tische zu r\u00fclpsen und in einer Talk-Show zu popeln ist unangemessen, gesch\u00e4tzte hundert Zivilisten beim Treibstoffdiebstahl von der Luft aus von der Begehung dieser Straftat abzuhalten, ist angemessen.<\/p>\n<p>War es aber auch angemessen, den obersten Soldaten der Republik, Herrn Schneiderhan, in die W\u00fcste zu schicken, und zwar in Rentnerzivil und ohne seine Feldflasche (die er am Tage seiner Entlassung, wie ein Magazin detailverliebt berichtete, abgeben mu\u00dfte, aber zun\u00e4chst nicht fand, schlie\u00dflich ganz unten im Spind entdeckte, zusammen mit einem Bericht \u00fcber irgendeine Bombardierung)? Gleichzeitig ihrem General und ihrem Minister vertrauen\u2013 das ist f\u00fcr unsere Soldaten in Afghanistan nun nicht mehr m\u00f6glich. Der eine ist gefeuert, der andere nicht mehr vollends heil. Sie befinden sich in einer klassischen Vertrauenskrise, was \u2013 nach Meinung von Experten \u2013 im modernen Krieg zu Harnverhaltung f\u00fchren kann. Und die dem K\u00e4mpfer, befangen in selbstqu\u00e4lerischer Gr\u00fcbelei \u00fcber Recht und Unrecht, genau jene Sekunden stiehlt, die es br\u00e4uchte, einen Taliban zu f\u00fcsilieren, um nicht selbst erschossen zu werden; diesen Zusammenhang erkl\u00e4rte ein Feldwebel den Deutschen am Mittwoch im heute-Journal.<\/p>\n<p>Zweites Element der Vertrauenskrise: die Kartentasche. Bei uns B\u00fcrgern in der Etappe enth\u00e4lt die Kartentasche eine BVG-Netz\u00fcbersicht, Aspirin, Lipgloss oder Fu\u00dfpilzsalbe und wahlweise Elemente der Damenhygiene oder eine Tagesration Kondome. Im Felde jedoch kommt noch ein soldatischer Einkaufszettel hinzu. Darauf steht, wie viele Zivilisten man ungestraft erschie\u00dfen bzw. bombardieren darf und da\u00df man innehalten soll, wenn der Feind pl\u00f6tzlich das Lied der Deutschen zu summen anhebt. Gilt die Kartentasche noch? Und wird der Minister im Zweifelsfalle seine Unterstellten vor Menschengerichtsh\u00f6fen verteidigen, wo er sich doch nicht mal richtig selbst verteidigen kann?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich registriert der Soldat an der vorderen Linie sensibel, wie sich Abgeordnete und die liberale Tendenzpresse im Tone vergreifen. Mehrmals, genau vier Mal, mu\u00dfte zu Guttenberg die Opposition am Mittwoch im Parlament rhetorisch bis dorthinaus fragen, ob sie denn keinen Anstand bes\u00e4\u00dfe bzw. welche Kinderstube sie genossen habe. Selbst als er die Meute daran gemahnte, da\u00df sich just in dieser Stunde ein Soldat in Afghanistan an der Hand verletzt hatte (allerdings beim K\u00fcchendienst), gelang es dem Minister nicht, Besinnlichkeit ins Hohe Haus zu zwingen. Darf man daran erinnern, da\u00df die Sozialdemokratie schon einmal deutschen Soldaten in der Stunde h\u00f6chster Not in den R\u00fccken gestochen hat, was ihr als \u00bbDolchsto\u00dflegende\u00ab heute noch moralisch zu schaffen macht? \u00bbIm Felde unbesiegt\u00ab, aber von Sozis aller Couleur verraten, sind die Truppen damals heimgekommen, so wie wenig sp\u00e4ter die Amerikaner aus Vietnam, auch mit zahlreichen Dolchen aus der Heimat im R\u00fccken. Ist es wieder soweit?<\/p>\n<p>Wenn unsere Soldaten in Afghanistan morgen oder \u00fcbermorgen das Vertrauen verlieren, h\u00fclfe auch nicht Florian Silber\u00adeisen bei der Truppenbetreuung. Dann st\u00fcnde es schlecht um die Regierung. Praktisch m\u00fc\u00dfte sie sich bei Blackwater eine niegelnagelneue Armee zusammenstellen lassen.<\/p>\n<p>Wenn dagegen wir an der Heimatfront das Vertrauen in die Regierung verlieren, f\u00e4llt das gar nicht auf. Deshalb haben wir ja nicht einmal einen Heimatfrontbeauftragten, der der Kanzlerin mit unserer Vertrauenskrise drohen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Junge Welt, 18. Dezember 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 unsere Soldaten im Mohnfeld das Vertrauen in die Regierung verl\u00f6ren? Da\u00df sie genau das zu tun erw\u00e4gen, hat ihr oberster Vertrauensmann, der Wehrbeauftragte Robbe, gestern drohend angek\u00fcndigt. 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