{"id":268,"date":"2009-12-03T22:53:07","date_gmt":"2009-12-03T20:53:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=268"},"modified":"2009-12-03T22:55:19","modified_gmt":"2009-12-03T20:55:19","slug":"wir-rekrutierten-wurden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/268","title":{"rendered":"&#8230; wir rekrutieren w\u00fcrden?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 wir rekrutieren w\u00fcrden?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Na, mal langsam. Zuerst sind ja mal die Freiwilligen und die \u00bbFreiwilligen\u00ab an der Reihe. Denn eines steht doch so fest, wie Karsai im Pr\u00e4sidentenamt: Wenn Obama seine Armee jetzt auf rund eine Million (gerechnet inklusive der Zivilisten in den r\u00fcckw\u00e4rtigen Diensten, der Krankenschwestern und der M\u00e4dels im Puff) erweitern will, dann kann sich die deutsche Heimatfront noch so zieren \u2013 wir werden nicht umhinkommen, den \u00bbdeutschen Beitrag\u00ab personell zu erweitern. (Und das alles, um den Abzug vorzubereiten \u2013 das ist schon witzig.)<\/div>\n<p>Wenn man bedenkt, da\u00df um die 40 Prozent der deutschen Erwachsenen vom Krieg, namentlich vom Feldherrn zu Guttenberg begeistert sind, kann man mit einer hohen Zahl von Kriegsfreiwilligen rechnen. Die Wehrersatz\u00e4mter gehen seit 1914 von der Formel aus: Anzahl der Kriegsbegeisterten geteilt durch 4,5 ist gleich die Anzahl der kriegstauglich gemusterten Frontfreiwilligen. Es d\u00fcrfte also einen immensen Freiwilligendruck geben. Zumal, wenn keine besonderen Qualifikationen f\u00fcr den Einsatz erforderlich sind. Guttenberg wird sich h\u00fcten, die Trauben zu hoch zu h\u00e4ngen. Denn er ahnt nat\u00fcrlich, was auch Obama ahnt und die Taliban bereits f\u00fcrsorglich angek\u00fcndigt haben: Zur Feier des Abzugs im Sommer 2011 wird es ein schreckliches Feuerwerk geben. Es w\u00e4re zu dumm, wenn Deutschland da hochqualifizierte Leistungstr\u00e4ger verl\u00f6re, wie Soziologieprofessoren, Pastoren, Altenpfleger oder einen der f\u00fcnf Wirtschaftsweisen.<\/p>\n<p>Schon lange vor Obamas Ank\u00fcndigung, noch einmal jede Menge Menschen in diesen Krieg hineinziehen zu wollen, hat es in Deutschland regelrecht Freiwilligenrevolten gegeben. Am Donnerstag schilderte der noch immer sichtlich beeindruckte bayerische Innenminister im Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen, was sich vor seinem Ministerium abgespielt hat. Hunderte M\u00e4nner der Volkssturmgeneration, zum Teil mit ihren Enkeln an der Hand, begehrten laut und wahrscheinlich von Bier beseelt, Verwendung als Hilfspolizisten in Afghanistan oder, wenn das nicht m\u00f6glich sei, als Ern\u00adtehelfer bei der Mohnernte zu finden. Einige fuchtelten mit Zertifikaten von Kampfsportstudios oder mit frischen AIDS-Tests herum. Tats\u00e4chlich werden die Polizeimannschaften jetzt mit freiwilligen Bayern aufgef\u00fcllt \u2013 aber so kann es ja in einem gut verwalteten Gemeinwesen auch nicht gehen.<\/p>\n<p>Zuerst sollten wir einmal die \u00bbFreiwilligen\u00ab ziehen, also jene Gesellen, denen das vielleicht nicht gleich von selber einfallen w\u00fcrde, die aber eine Bringeschuld gegen\u00fcber der Gesellschaft abzutragen haben. Ich denke da an Hartz-IV-Empf\u00e4nger, die bekanntlich zu Lasten der \u00f6ffentlichen Hand existieren. Aber auch an Leute, die sich moralisch zu rehabilitieren h\u00e4tten: SED-Mitglieder der letzten Stunde, enttarnte IM der Brandenburger Linkspartei oder Manager, die ihre Bude (zum Teil willentlich) in die Insolvenz gesteuert haben. Eine \u00bbFreiwilligen\u00ab-Einheit, auf diese Weise zustande gekommen, k\u00f6nnte au\u00dferhalb des Rechtsmittels der Strafandrohung in der Zivilgesellschaft einen gewissen Druck zu konformem Verhalten ausl\u00f6sen, erst recht dann, wenn sich herumspricht, da\u00df es in Afghanistan direkten Weges in den Tod geht. Ich gebe zu, Vergleichbares gab es schon mal. Allerdings in einer Diktatur, da ist es etwas anderes.<\/p>\n<p>Die Mobilmachung kann nat\u00fcrlich nicht als stummer Verwaltungsakt und schon gar nicht geheim erfolgen. Sie mu\u00df, soll die Kriegsbeteiligung in der gesellschaftlichen Psyche Fr\u00fcchte tragen, ein emotionaler kollektiver Akt sein, auch wenn die Sollzahlen l\u00e4ngst erbracht sein sollten. Ich denke an Galas mit Carmen Nebel und Florian Silbereisen und Ulrich Wickert, Lippi und Verona Feldbusch am Rekrutierungstelefon. Aber auch Winterhilfssammlungen der Volkssolidarit\u00e4t, Erasco-Eintopfsonntage, \u00f6ffentliche Goldabgabe mit Unzenwaage usw. h\u00e4tten starke identit\u00e4tsstiftende Implikationen. Alles in allem h\u00e4tte die Kanzlerin recht, wenn sie in ihrer bekannt k\u00fchnen Art formulieren w\u00fcrde, die Republik st\u00fcnde mit einer erweiterten Kriegsbeteiligung vor einer gro\u00dfen Herausforderung.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde nat\u00fcrlich auch ein paar Wochen r\u00fcber gehen, um dort f\u00fcr die hiesige Bild der Frau die Kolumne \u00bbWas w\u00e4re, wenn\u2026?\u00ab zu implementieren.<\/p>\n<div>Junge Welt, 04. Dezember 2009<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 wir rekrutieren w\u00fcrden? Na, mal langsam. Zuerst sind ja mal die Freiwilligen und die \u00bbFreiwilligen\u00ab an der Reihe. 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