{"id":264,"date":"2009-11-26T00:53:36","date_gmt":"2009-11-25T22:53:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=264"},"modified":"2009-11-26T00:53:36","modified_gmt":"2009-11-25T22:53:36","slug":"wenn-schiller-gefunden-worden-ware","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/264","title":{"rendered":"&#8230; wenn Schiller gefunden worden w\u00e4re?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 wenn Schiller gefunden worden w\u00e4re?<\/span><\/strong><\/p>\n<div>Jetzt ist es amtlich \u2013 Schillers Gebeine bleiben absent. Das ist nicht nur bitter f\u00fcr die deutsche Literatur, weil als Beigabe f\u00fcr nichtdotierte Literaturpreise keine \u00bbSchiller-Brokken\u00ab vergeben werden k\u00f6nnen. Es ist gleicherma\u00dfen ein Nachteil f\u00fcr die Optimierung von Entscheidungsprozessen bei der Besetzung von Spitzenpositionen. Fragen wie \u00bbH\u00e4tte Schiller Feuilletonchef der FAZ werden d\u00fcrfen?\u00ab, \u00bbIst Schiller f\u00fcr einen Wachdienst auf der BND-Baustelle in Berlin bandscheibenm\u00e4\u00dfig beweglich genug gewesen?\u00ab, \u00bbH\u00e4tte die Gefahr bestanden, da\u00df Schiller nach einer Fest\u00adanstellung im Marbacher Schiller-Archiv hinterh\u00e4ltig schwanger geworden w\u00e4re?\u00ab, \u00bbW\u00e4re Schiller im \u00f6ffentlichen Dienst verwendbar gewesen (Stasivita?)?\u00ab m\u00fcssen unbeantwortet bleiben.<\/div>\n<p>Denn um solche, aus Arbeitgebersicht unvermeidbare Fragestellungen handelt es sich bei Neueinstellungen. Kein Unternehmer w\u00fcrde den Schiller im Sack kaufen. Das System, beispielsweise eine Kassenmieze f\u00fcr Lidl, eine Zweitbesetzung f\u00fcr einen gutgehenden Erotikclub, einen Weihnachtsmann oder einen Hausmeister f\u00fcr den Hundeabrichtungsplatz zu finden, wird immer ausgefeilter. Denn eine Fehlentscheidung im Personalmanagement kann b\u00f6se Folgen haben. Immer h\u00e4ufiger vergeben Chefetagen deshalb den Auftrag zur Personalfindung an spezielle Agenturen, die ihr volles Honorar erst erhalten, wenn der Kandidat die Probezeit erfolgreich bestanden hat.<\/p>\n<p>Die Nachfolge von Hartmut Mehdorn bei der Bahn durch einen gewissen Herrn Grube ist beispielsweise durch eine schw\u00e4bische Assessment\u00adagentur vorbereitet worden. Grube wurde mit drei anderen Kandidaten (Sarrazin, der nach einer neuen Aufgabe suchte, Diepgen, der schon lange auf Wiederverwendung hofft, und Krenz) in ein kleines, nobles Waldhotel geladen, wo Rollenspiele absolviert werden mu\u00dften, wie \u00bbStellen Sie sich vor, Sie sind Ihre Schwiegermutter und Ihr Wellensittich ist eben verstorben und die Nachbarin kommt zu Besuch\u00ab (also Grube als seine Schwiegermutter, Sarrazin als Nachbarin, Krenz als Wellensittich und Diepgen als die Kuckucksuhr in der K\u00fcche der Schwiegermutter). Au\u00dferdem benutzen Personalscouts weitere aufregende Methoden, weil diese nicht verboten sind: die Beurteilung des Bewerbers anhand der \u00bbCharaktermerkmale des Kopfes\u00ab (von Urvater Lavater ersonnen und von den Faschisten bei ihrer Talentefindung, einschlie\u00dflich der Entwicklung spe\u00adzieller Me\u00dfinstrumente, zur Perfektion getrieben), die Handschriftenanalyse, die Ganganalyse und das Pendel. (Beim Pendel werden alle Bewerber in die Mitte eines Saales gef\u00fchrt, ein mit einem Hundertkilogewicht versehenes Pendel wird in Bewegung versetzt und wer stehen bleibt, kann sich Hoffnung auf Einstellung machen.)<\/p>\n<p>\u00bbH\u00e4tten wir damals schon die Techniken zur Verf\u00fcgung gehabt, wie wir sie heute kennen\u00ab, sagt der Chef der schw\u00e4bischen Agentur in einem Interview mit Cicero, \u00bbwer wei\u00df, vielleicht h\u00e4tten wir dann f\u00fcr die Bahn den Krenz genommen.\u00ab<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich finden heute Bewerbungsgespr\u00e4che in einer Art statt, da\u00df man Gespr\u00e4che in ironische Anf\u00fchrungszeichen setzen mu\u00df. Der Bewerber\/die Bewerberin mu\u00df frische Unterw\u00e4sche tragen und ein Badetuch mitbringen, mu\u00df unterschreiben, sich gesund zu f\u00fchlen und k\u00f6rperlichen Eingriffen ausdr\u00fccklich zustimmen. Au\u00dferdem ist bei Verletzung der Hauptschlagader auf jegliche Beschwerde zu verzichten. Dann werden den Kandidaten Pr\u00f6bchen s\u00e4mtlicher K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten entnommen, dazu Haare und ein winziges St\u00fcck Hornhaut (am Auge, nicht am gro\u00dfen Zeh). Ein Zahnstatus und ein Seh- und H\u00f6rtest sowie das Auf-dem-Strich-Gehen mit geschlossenen Augen schlie\u00dfen das Bewerbungs-\u00bbGespr\u00e4ch\u00ab ab.<\/p>\n<p>\u00bbDer K\u00f6rper erz\u00e4hlt uns alles \u00fcber die Eignung eines Bewerbers, mehr jedenfalls, als dieser uns je \u00fcber sich bel\u00fcgen k\u00f6nnte\u00ab, sagt der Assessment-Profi voller Humor. Am Schlu\u00df wissen die Pr\u00fcfer sogar, wie lange das untersuchte Objekt Pension beziehen wird.<\/p>\n<p>Das Abzapfen und die Analyse der K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten indes ist aufwendig und m\u00fchsam (Sperma f\u00e4llt, namentlich bei Frauen, manchmal gar nicht an). Ideal w\u00e4ren wenige Gramm Knochensubstanz aus der Sch\u00e4delbasis. Aber welcher Bewerber spendet die? Schiller h\u00e4tte m\u00fcssen \u2013 wenn er nicht verlorengegangen w\u00e4re!<\/p>\n<div>Junge Welt, 20. November 2009<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 wenn Schiller gefunden worden w\u00e4re? Jetzt ist es amtlich \u2013 Schillers Gebeine bleiben absent. Das ist nicht nur bitter f\u00fcr die deutsche Literatur, weil als Beigabe f\u00fcr nichtdotierte Literaturpreise keine \u00bbSchiller-Brokken\u00ab vergeben werden k\u00f6nnen. 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