{"id":170,"date":"2009-09-27T17:32:53","date_gmt":"2009-09-27T15:32:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=170"},"modified":"2009-09-27T17:35:28","modified_gmt":"2009-09-27T15:35:28","slug":"es-einen-flashmob-gabe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/170","title":{"rendered":"&#8230; es einen Flashmob g\u00e4be?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">\u2026 es einen Flashmob g\u00e4be?<\/span><br \/>\n<\/strong><br \/>\nAm Mittwoch war das Westfernsehen seltsam erregt. Schon ab Nachmittag versprach die ARD eine nie gesehene Unerh\u00f6rtheit f\u00fcr ihre \u00bbNews-Schiene\u00ab. Das Ereignis habe mit der Kanzlerin pers\u00f6nlich zu tun und was sich um sie herum zusammenbraue. Das Internet, dieses schnelle, aufregende, unberechenbare Medium spiele teuflischerweise auch eine Rolle. Man konnte auf einen Attentatsversuch hoffen, der auf studiVz von einem zum Islam konvertierten Theologiestundenten angek\u00fcndigt worden war. Na gut, vielleicht noch keinen Versuch, sonst w\u00e4ren ja alle Sendungen unterbrochen worden und das Radio h\u00e4tte Chopin gespielt. Aber wenigstens doch die Andeutung eines Versuchs in einer abgefangenen E-Mail vom Computer einer Waldorfschule nahe Essen!<\/p>\n<p>Als Plasberg (unertr\u00e4glich! Warum bleibt so einer gesund?!) mit geheucheltem Interesse beim zwergw\u00fcchsigen Kasper Tom Buroh nachfragte, was es denn Feines f\u00fcr die \u00bbTagesthemen\u00ab g\u00e4be, lie\u00df dieser, bebend vor Vorfreude, die Katze aus dem Sack: Ein Flash Mob habe stattgefunden! Er versuchte eine erste \u00dcbersetzung: Ein \u00bbBlitzauflauf\u00ab habe sich ereignet! Und zwar blitzartig!<\/p>\n<p>Es sollte den Eindruck machen, als habe die ARD in ihrem unendlichen Investigationismus einen Aufruhr entdeckt, an Ort und Stelle niedergeschlagen und sofort das Programm umgestellt. Dann sah man die Bescherung. Bei irgend einer Wahlrede Merkels unter freiem Himmel (sie trug, wie mittwochs immer, das Lindgr\u00fcne) hatten sich etwa ein Dutzend k\u00e4ufliche, adrett gekleidete, sich jugendlich gebende Subjekte der Piratenpartei versammelt, schwenkten orange Lappen und riefen, quasi im Blutrausch, mehrmals gemeinschaftlich (bei den Jungpionieren sagten wir \u00bbim Sprechchor\u00ab) \u00bbyeah!, yeah!\u00ab, wobei sie spontan selbstgebastelte Pappen hochhielten, auf denen ebenfalls \u00bbyeah!\u00ab zu lesen war. Sie lachten verlegen \u2013 waren sichtlich noch nicht darin ge\u00fcbt, sich zum Affen\u00a0 zu machen. Dann mu\u00dften sie abermals rufen, weil der Einspieler sonst zu kurz geworden w\u00e4re, diesmal \u00bbGrundgesetz! Grundgesetz!\u00ab Der Haufen war so sch\u00fctter besetzt, da\u00df man innerhalb der n\u00e4chsten drei \u00bbTagesthemen\u00ab-Minuten alle Teilnehmer der simulierten Revolte per Nahaufnahme kennenlernen konnte.<\/p>\n<p>Und jetzt reagierte die Kanzlerin, und siehe: Die Kamera war mit vollem Ton genau in diesem Moment dabei! Merkel schaute kurz ins Manuskript und sagte dann mit humorvoller, sympathischer, m\u00fctterlicher, von einer neckischen Geste gest\u00fctzter Souver\u00e4nit\u00e4t, die jungen Leute, die ihr jetzt nicht zuh\u00f6rten, k\u00f6nnten ihre Rede dann ja im Internet ansehen. Im Internet! Wie pfiffig! Wie modern! Und was f\u00fcr eine erstklassige Retourkutsche an die armen Wichte, die sich angeblich im Internet verabredet hatten, um dreimal f\u00fcr die Kamera \u00bbyeah!\u00ab zu br\u00fcllen!<\/p>\n<p>Ein (wahrscheinlich schlecht bezahlter) Kleindarsteller aus der Wahlzentrale der CDU mu\u00dfte nun noch \u00bbam Rande der Kundgebung\u00ab einerseits seine Freude ausdr\u00fccken, wie gro\u00dfartig der Kindergeburtstag funktioniert hatte, andererseits Emp\u00f6rung heucheln, \u00bbda\u00df sich die Kanzlerin nicht mit unseren Inhalten auseinandersetzt hat\u00ab.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend sprach ein Kommentator, der Zwilling von von Guttenberg, gef\u00fchlte zehn Minuten lang wohlgesetzt und wichtig \u00fcber die ungeheure mobilisierende Kraft des Internets, ohne dessen Walten und Wirken das eben gesehene spektakul\u00e4re Ereignis gar nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Das Ganze roch sogar durch die Mattscheibe nach einer Inszenierung des Kanzleramts. Eine Kanzlerin, so popul\u00e4r, da\u00df sich junge Menschen f\u00fcr sie im Internet verabreden und sich sogar eine Blitzversammlung ausdenken, um von ihr bemerkt und mit Humor bedacht zu werden! Sch\u00f6ner geht es nicht.<\/p>\n<p>In Wahrheit hat das Internet keinerlei subversives Potential. Seit klar ist, da\u00df jede E-Mail praktisch in Echtzeit mitgelesen und, falls n\u00f6tig, entschl\u00fcsselt werden kann, gibt es keinen Grund mehr, sich zur Verabredung subversiver, im Idealfall illegaler Handlungen nicht eines Festnetzanschlusses zu bedienen oder einander die feindlichen Absichten auf der Stra\u00dfe zuzurufen. Twittern ist eigentlich nur noch kindisch, ja eklig, seit klar ist, da\u00df es von potenten Interessenten, wie Parteien, Pharmakonzernen, Geheimdiensten, der Al Quaida und den Kampfverb\u00e4nden der deutschen Milchbauern, zur Manipulation von Massen benutzt werden kann. Das Internet ist verkommen zu einem Spielzeug f\u00fcr Pubertierende, zum Medium des Versandhandels oder f\u00fcr Alte, die ihre Krankheiten und die \u00d6ffnungszeiten des Bereitschaftsarztes nachlesen wollen. Die Revolution mu\u00df man anders organisieren. Keine Ahnung, wie \u2013 jedenfalls nicht so, da\u00df die Kanzlerin sie schon im Manuskript hat.<\/p>\n<p>Junge Welt, 25. September 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 es einen Flashmob g\u00e4be? Am Mittwoch war das Westfernsehen seltsam erregt. Schon ab Nachmittag versprach die ARD eine nie gesehene Unerh\u00f6rtheit f\u00fcr ihre \u00bbNews-Schiene\u00ab. 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