{"id":147,"date":"2009-09-16T19:28:29","date_gmt":"2009-09-16T17:28:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/?p=147"},"modified":"2009-09-16T19:30:06","modified_gmt":"2009-09-16T17:30:06","slug":"kein-unterricht-ausfiele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rickyschnaasen.de\/blog\/archives\/147","title":{"rendered":"&#8230; kein Unterricht ausfiele?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #800000;\">&#8230; kein Unterricht ausfiele?<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Wo nahmen die Diktatoren Ulbricht\/Honecker das Geld f\u00fcr die Schulen her? Womit bezahlten sie die Lehrer, die t\u00e4glich p\u00fcnktlich erschienen und die Stunden hielten, die in der Stundentafel standen? Wieso kam, wenn Fr\u00e4ulein Leisegang sich in den Schwangerschaftsurlaub verabschiedete und sich bei der Gelegenheit herausstellte, da\u00df sie nicht mehr vollst\u00e4ndig Fr\u00e4ulein war, eine Vertretungslehrerin, die prompt ein Verh\u00e4ltnis mit Werklehrer Stopfkuchen begann? Wieso fiel nie Musik aus? Im Gegenteil \u2013 wieso wurde gesungen (s\u00e4mtlich kommunistisches Liedgut) und musiziert, da\u00df die Schule wackelte? Wer bezahlte die Instrumente f\u00fcr die Combo und den verkrachten Mimen vom Stadttheater, der den Singeklub leitete und den M\u00e4dchen nach den Br\u00fcstchen trachtete? Wieso fiel nie Sport aus? Im Gegenteil \u2013 Sport war heilig, die Fu\u00dfballer und die Basketballer hatten einen Ruf zu verlieren in der Stadt. Arbeitsgemeinschaften werkelten \u2013 von den jungen Botanikern \u00fcber die Astronomen bis zum H\u00e4kelkurs f\u00fcr die dickeren M\u00e4dchen. Man fuhr ins Lager (nat\u00fcrlich, Lager!) der jungen Techniker, ins Russischlager (die Westler m\u00f6gen erschaudern) und ins Spezialistenlager der Mathegenies. Woher kam das Geld?<\/p>\n<p>Das Geld mu\u00df knapp gewesen sein, denn der Haushalt der Diktatur verschlang immense Summen f\u00fcr den milit\u00e4rischen und Sicherheitsapparat und f\u00fcr k\u00fcnstlich niedrig gehaltene Lebensmittelpreise, Verkehrstarife und Mieten. Und jeder kann sich heute nat\u00fcrlich denken, warum die Diktatur nicht an der Schule sparte \u2013 sie wollte sich die jungen Menschen krallen, die in erwachsener Form als schrecklich an der Seele verkr\u00fcppelte Kreaturen heute noch auf der Muttererde wandeln, nachdem sie \u00bbzum Dank\u00ab vor zwanzig Jahren eine \u00bbfriedliche Revolution\u00ab absolvierten.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich lie\u00df Frau Professor Johanna Wanka, die Hoffnung der Brandenburger CDU, ihren Wahlkampfclou blitzen. Sie zerrte einen zarten achtj\u00e4hrigen Knaben, den Potsdamer Noah, vors noch verh\u00fcllte Gro\u00dfplakat, und als das Tuch fiel, l\u00e4chelte da Noah zehnfach \u00fcberlebensgro\u00df. Und darauf stand: \u00bbJede Stunde z\u00e4hlt\u00ab. Die CDU gibt eine Unterrichtsgarantie. In Brandenburg werden eine Million Unterrichtstunden nicht planm\u00e4\u00dfig gehalten, eine viertel Million fallen vollst\u00e4ndig aus. An vielen Schulen gibt es keinen regul\u00e4ren Sportunterricht und keinen Musikunterricht.<\/p>\n<p>Der Staat garantiert Schulbildung seit 200 Jahren. Heute soll man in Brandenburg CDU w\u00e4hlen, damit man bekommt, was selbstverst\u00e4ndliche zivilisatorische Errungenschaft ist. Man soll den CDU-Kl\u00fcngel f\u00fcttern, damit die Kinder zwei mal f\u00fcnfundvierzig Minuten Sport in der Woche treiben d\u00fcrfen. Man soll Frau Wanka als Retterin feiern, die Dame, die offensichtlich bisher tatenlos zusah, wie die Schule auf den Hund gekommen ist.<\/p>\n<p>Jeden Morgen fahre ich an einer Privatschule vor\u00fcber. Da m\u00fcssen die Eltern nicht danke und nicht bitte sagen, und der kleine Noah, w\u00e4re er dort eingeschult, m\u00fc\u00dfte sich nicht von der Wanka schubsen lassen. Dort zahlen sie selbst. Die M\u00fctter fahren ihre Kinder in gro\u00dfen Autos vor. Die Stadt schickt einen Polizisten, der h\u00e4lt den Verkehr an, damit die Elitekinder wohlgemut aus den Karossen springen k\u00f6nnen. Es wird umarmt und geherzt. Jeder Tag ist Kindergeburtstag f\u00fcr alle. Die Schulleiterin steht strahlend auf der Freitreppe und empf\u00e4ngt die kleinen Herrschaften wie Hollywoodgr\u00f6\u00dfen. M\u00fctter in wallenden Kleidern tragen laut und immerzu lachend Kuchen, Blumen und bunte Getr\u00e4nke herein. Die M\u00e4dchen stecken in Kleidchen und sind nicht gepierct, die Jungen haben Kragen umgelegt, als sei t\u00e4glich Erstkommunion. Im Hof steht ein komplettes Segelschiff, darauf zu toben. Zwischen den hohen B\u00e4umen spannen sich Strickleitern, auf denen man den Tag verschaukeln kann.<\/p>\n<p>Man kann nur hoffen, da\u00df Noahs Eltern f\u00fcr ihn und seinen Bruder noch die Kurve kriegen.<\/p>\n<p>Junge Welt, 11. September 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; kein Unterricht ausfiele? Wo nahmen die Diktatoren Ulbricht\/Honecker das Geld f\u00fcr die Schulen her? Womit bezahlten sie die Lehrer, die t\u00e4glich p\u00fcnktlich erschienen und die Stunden hielten, die in der Stundentafel standen? 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