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… Christian Wulff gesprochen hätte?

… Christian Wulff gesprochen hätte?
Vorgestern soll er angeblich im Fernsehen zwei müden, vor Langeweile ranzig riechenden Journalisten gegenübergesessen haben. Die Sendung hieß »Farbe bekennen«. Der Herr mit dem gelblichen Teint (totgeschminkt? Leberabszeß?) sagte mehrmals den Satz »Das ist jetzt Sache der Parlamente, da will ich mich als Bundespräsident nicht«–entweder »einmischen«, »äußern«oder »vorschnell artikulieren«. Der Typ stellte also offensichtlich unseren Bundespräsidenten dar. Einige Leute, die den Sender gelegentlich einschalten, schrieben im Internet, der Herr sei Hans-Werner Olm, wenn nicht gar Hape Kerkeling gewesen, und die Parodie hätte man doch erkennen müssen.

Mißtrauisch macht die Freunde des Bundespräsidenten, daß er zur gleichen Zeit zwei Reportern der Zeit gegenüber gesessen haben muß, die das jedenfalls behaupten und ihn ausführlich zitieren. Geht das böse Spiel mit Christian Wulff weiter?

Bereits vor Wochen fragte der Eulenspiegel – immer auf der Seite der Schwachen – »Lebt eigentlich Chri­stian Wulff noch?« und äußerte die Hoffnung, daß er nicht tot, sondern nur entführt sein könnte. Von den alten, haßerfüllten Seilschaften des Joachim Gauck?

Das Blatt schrieb: »Wir werden Zeugen einer raffinierten Inszenierung. Ein Mann, der als›Bundespräsident‹ auftritt und eine absolut leeres Gesicht mitbringt, nimmt präsidiale Termine wahr. Er war bei den deutschen Chören… und verschwand. Er war bei den deutschen Bankiers… und verschwand. (…) Er war beim Oberkommando der Bundeswehr, aß einen Teller Geschnetzeltes mit Kohlrabi … und verschwand. Außerdem will eine Toilettenfrau der Autobahnraststätte Bad Oyenhausen einen Mann über den Parkplatz verfolgt haben, weil er ihr das Pinkelgeld schuldete.« Er behauptete fliehend, diplomatische Immunität zu genießen, weil er der Bundespräsident sei.

Sollen das die »Beweise« seiner Existenz sein? Oder sind es nicht vielmehr sorgfältige Inszenierungen, wie wir sie von Kim Il Jong, Ghaddafi, Ben Ali, Adolf Hitler, Walter Ulbricht usw. kennen, die den jeweiligen Diktator im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte zeigen sollen?

Dazu paßt, daß Wulff zwischenzeitlich auf der Beliebtheitsliste für Politiker auf Platz 1 gesetzt wurde. Überraschend ist das nicht für einen, der nicht verschwunden sein darf!

Mit gebotener journalistischer Sorgfalt fragte sich der Eulenspiegel nicht nur, wo der angebliche Wulff»aufgetaucht« ist, sondern vor allem, was er unterlassen hat: Wulff schweigt praktisch seit seinem legendär gewordenen Kalauer »Auch der Islam gehört inzwischen zu Deutschland«. Als der neue Innenminister –wahrscheinlich, um zu testen, ob Wulff noch lebt – sich über diesen Satz lustig machte, kam von Wulff keine Reaktion. Am 8. März »vergaß« er, unseren Frauen zum Frauentag zu kondolieren, und am 1. April unterließ er den traditionellen Aprilscherz des Bundespräsidialamtes.

Also rechneten die Deutschen auf die turnusmäßige»Berliner Rede«, bei der noch jeder Bundespräsident seine Vitalität demonstriert hatte. Was geschah? Das Amt ließ bei der Hauptstadtpresse durchsickern, Wulff breche »bewußt« (also muß er bei Bewußtsein sein) mit der Tradition der »Berliner Rede«: Er überließ sie, als »Zeichen der Versöhnung« bzw. »eingedenk der dunklen Seiten der deutschen Geschichte« dem Polen Komarowski!

Und nun soll Wulff plötzlich wieder da sein, im Ersten und in der Zeit? Sein Erscheinen wurde vorbereitet von einem zweiseitigen Interview mit der Gattin in der Berliner Zeitung vom Wochenende, in dem sie sorgsam jede Tatsachenbehauptung, die Wulffs Existenz bestätigt (etwa: »Ja, mein Mann ist am Leben, es geht ihm den Umständen entsprechend gut«) vermeidet und ihm– welch kalte Disziplin! – eine zweite Amtszeit empfiehlt.

Und was hat der angebliche Wulff nun angeblich der Zeit gesagt? Er hat gesagt, daß CDU und FDP gefälligst Parteitage abhalten sollen, wenn sie wieder mal aus der Atomkraft aussteigen! Eine »Botschaft«, die jeder Volontär zusammengebastelt haben kann.

Da kann ich mich nur dem Eulenspiegel anschließen, der schreibt: »Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei Bettina und den Kindern… Und an die Politik ergeht die Aufforderung: Gebt endlich Wulffs Leichnam frei!«

Junge Welt, 01.Juli 2011

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