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… die Stahlträger fehlten?

… die Stahlträger fehlten?

Und dieser substanzielle Mangel unentdeckt bliebe? Dann fiele der Kölner U-Bahn wahrscheinlich irgendwas ein. Wir aber, mit unstillbarem Drang nach Verallgemeinerung begabt, wüßten fortan gesichert, daß Baulichkeiten, bei denen die Stahlträger fehlen oder der Beton gestreckt wurde, früher oder später nachgeben, der Gravita­tion, der Schneelast oder einem lächerlich kleinen Wind.

Heute morgen um 8.26 Uhr erklang die Nationalhymne der DDR in der Fassung des Erich-Weinert-Ensembles der NVA. Ich hatte sie im Autoradio, für höchstens zehn Sekunden, als ich das Gerät nach einem erträglichem Programm absuchte. Vielleicht Studenten im Uniradio, die rumgealbert haben. Oder der Polizeifunk, die machen auch solche Späße. Oder vielleicht doch Radio Eins (ein durchweg jämmerliches Angebot von grauenhafter Launigkeit) auf RBB? Dann wäre es Sabotage gewesen (oder die Diversion eines Diversanten, wie man früher sagte). Dann alle Achtung.

Sabotage ist nicht, wenn was zusammenfällt oder ein Morgenprogramm formatinadäquate ästhetische Angebote macht. Daß die U-Bahnbauer (und zwar nicht die angeheuerten Arbeiter, sondern die Ingenieure, Leiter, Gutachter, womöglich Beamte) zwei Drittel der zum Verbau vorgesehenen Stahlträger beim Schrotthändler verscheuerten, war aus ihrer Sicht eine gute Idee. Sabotage war es nicht. Zur Sabotage wird eine nur kriminelle Tat erst, wenn man sich etwas dabei denkt. Kriminell sein kann jeder – Saboteur nur einer, der sich was dabei denkt.

Er muß denken können, aber intelligent sein muß er nicht. Das ist ja das Schöne – es gibt keine Einstiegshürde, jedermann/frau steht die Welt der Sabotage frei und offen. Die Tat muß gedanklich der Staatsmacht oder dem Gesellschaftssystem gewidmet sein und natürlich beträchtlichen mate­riellen Schaden anrichten – oder eben einen kaum meßbaren Schaden, dabei aber einen hohen Aufmerksamkeitswert (widerständische Schadenfreude) erreichen, wie die zehnsekündige Zonenhymne im Westsender für die Brandenburger. Sabotage ist also eine Motivtat. Das Motiv belegt, daß hier nicht etwa »ein Fehler unterlaufen« ist.

Gute Sabotagefälle sind selten geworden, weil die Repressionsfunktionen der Gesellschaft verschleiert sind und die »Schuld« für Unglück auf die Individuen verteilt ist. Nur dort, wo das System die Menschen unmittelbar drückt, kommt es zu Sabotage. Argen werden demoliert oder auch nur die Blattpflanzen umgestellt, Pfandleiher werden ge- bis erschlagen, Schulen brennen ab oder Feuerlöscher werden in den Korridor entleert, in Pflegeheimen machen Alte mit diebischer Freude unter sich (auf das Motiv kommt es an!).

Aber die Erinnerung an eine differenzierte, blühende Sabotagekultur ist lebendig. Während aller zwölf Jahre des »Dritten Reiches« band Sabotage beträchtliche Kräfte der Staatsmacht. Sabotage war eine der wenigen Äußerungsformen widerständischer Leute. Flugzeuge starteten nicht, Granaten explodierten nicht, Waffen und andere Güter kamen nicht an der Front an. Die Sabotage von Rüstung ist der Idealtypus der Sabotage: als Folge der Tat kommen keine Menschen zu Schaden– im Gegenteil; der materielle Schaden ist beträchtlich; der Tat ist ihr politisches Motiv direkt ablesbar; wenn der Saboteuer nicht ertappt wird, ist es fast unmöglich, die Tat von einem Fertigungsfehler zu unterscheiden.

Es spricht nichts dagegen, das Ende des Krieges auch heute auf diese Weise mitzubestimmen. Dem entgegen steht in Deutschland allerdings ein dummer, nur hier anzutreffender Facharbeiterethos: Der Deutsche will auch das Mordinstrument in präziser Schönheit herstellen. Außerdem muß man im Sabotagefall damit rechnen, wie ein schäbiger Krimineller behandelt zu werden – warme politische Gedanken nimmt das Strafrecht gar nicht zur Kenntnis. Mit dem Ausruf vor Gericht: »Es ist mein Menschenrecht, den Krieg zu beenden« wird man nicht weit kommen.

Neulich sprang am Alexanderplatz wieder einer vor die Bahn. Fünfhundert Leute standen auf dem Bahnhof und schwiegen böse oder lachten oder erzählten, was sie heute abend kochen würden. Einer ging umher und raunte: »Sabotage! Seht nur, wie empfindlich er das System an seiner schwachen Stelle trifft!« Empfindlich traf er nur uns, denen die Füße gefroren. Und das System Bahn bricht an seiner schwachen Stelle auch ohne Sabotage jeden Tag zusammen. Falls der Mann, der gesprungen war, nicht nur ein armer, verzweifelter Kerl war, sondern »ein Zeichen setzen« wollte, hat er es diesmal besonders schlecht angestellt. Der Aufstand der Arbeiter, Soldaten und Webdesigner ist jedenfalls ausgeblieben.

Junge Welt, 19. Februar 2010

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